Von Ursula Bode

Sie kamen aus dem Norden, als Reisende auf der Suche nach den Wundern der Antike, nach der Inspiration von Landschaft und neuer Kunst, nicht selten auch, weil die Religionskriege daheim sie in die Fremde trieben. Sie waren Maler und Kunsthandwerker, und eines ihrer Ziele war Genua, die stolze Seerepublik. Manche wurden Mitglied der Zünfte. Andere konnten sich ungestört den Wünschen ihrer Auftraggeber widmen, weil diese den wahren Beruf der Gastarbeiter hinter einer Eintragung in die Liste der Wachsoldaten des Palazzo Ducale verbargen.

Die fiamenge oder fiammingi, die Flamen, waren in Genua offensichtlich geschätzte Leute. Und nützlich für eine immens reiche Stadt: Als ein Knotenpunkt des Welthandels importierte sie Kunstwerke und Künstler wie Luxusgüter. Man bediente sich der künstlerischen Errungenschaften Flanderns ebenso lustvoll und selbstverständlich, wie man lombardische und venezianische Malerei sammelte oder adaptierte.

Im Jahr 1604 kam Peter Paul Rubens zum erstenmal nach Genua, in diplomatischen Geschäften. Er fand dort Paläste wie prunkende Schatzkammern und eine Adelsgesellschaft, die nur zu gern ihre Kirchen mit seinen Werken schmücken und sich selbst im Bildnis darstellen lassen wollte. Fasziniert vom architektonischen Gesamtkunstwerk Genua, publizierte der Künstler 1622/23 in Antwerpen das Stichwerk "I palazzi antichi e moderni, di Genova reccolti e designati da Pietro Paolo Rubens" – zum Nutzen und Frommen der baufreudigen Handelsherren seiner eigenen Stadt.

Als Anton van Dyck siebzehn Jahre später seinem Lehrmeister folgte, konnte er die flämische Kolonie von Genua und das Haus seiner Malerfreunde de Wael zum Stützpunkt seines jahrelangen Italienaufenthalts machen. Und auch er porträtierte die Herren der ligurischen Republik, ihre Damen, die Kinder – eine vornehme Gesellschaft in köstlichen Gewändern, zwischen Säulen und unter Draperien, auf Terrassen und vor dem Hintergrund mediterraner Gärten. Die grande maniera dieser Bildnisse machte Schule, nicht nur, aber auch in Genua. Van Dyck nahm sie mit zurück nach Antwerpen und übertrug sie später nach England an den Hof Charles I.

Die große barocke Geste, aber auch der realistische Blick und die natürliche Attitüde in den Portraits der Nordländer wirkten in Ligurien weiter. Die Historienbilder – mythologische und christliche Motive – werden häufig reizvoll erweitert: Prunkende Stilleben mit kostbaren Silbergefäßen und üppigen Früchten erscheinen darin als ein Verweis auf Genueser Vorlieben und zugleich als flämisches Erbe. Ein Reflex des bildnerischen Reichtums aus Flanderns Werkstätten illuminierte die Kirchen und Palazzi der Republik. Währenddessen hatte sich in Antwerpen ein Moment von Weltkunst ereignet. Für Jahrzehnte war die Handelsstadt an der Scheide zur neuen "Nährmutter der Künste" geworden, zum kulturellen Mittelpunkt der spanischen Niederlande, eine Kunsthauptstadt im Geiste der Gegenreformation.

"Die berühmte und herrliche Stadt Antwerpen", notierte 1604 der niederländische Maler und Kunstschriftsteller Karel van Mander, "die dem Kaufhandel ihre Blüte verdankt, hat von überallher die bedeutenden Vertreter unserer Kunst angelockt, die sich in großer Zahl auch dorthin begeben haben, weil sich die Kunst gern in der Nähe des Reichtums aufhält."