Wir schreiben den 12. Oktober 1492. Eine kleine Insel an Amerikas atlantischer Flanke ist soeben in die christliche Geschichte gefallen und hat den Namen San Salvador erhalten. Anderthalb Jahrtausende nach seinem Tod beginnt auf der Insel des heiligen Erlösers nicht nur die Neuzeit in Europa, sondern auch eine neue Zeit in Amerika. Sie war Europas erstes Vermächtnis an das fremde Land, noch vor Pech und Schwefel, Masern und Martern.

Amerika erbte in jenem Moment eine Geschichtsauffassung, in der seine Existenz nicht vorgesehen war. Das Dilemma war auf seiten der Europäer. Weder die Bibel noch die Rückkehr zu den Überlieferungen der Antike hielt in dieser Sache zufriedenstellende Antworten bereit. Die beiden Stützen des Weltbildes am Ausgang des Mittelalters wollten die neue Wirklichkeit nicht mehr so recht tragen.

Die geistige Bewältigung der Entdeckung, welche die bekannten Dimensionen von Raum und Zeit sprengte, stand im Jahre 1969 im Vordergrund einer vierteiligen Vortragsreihe des britischen Historikers John H. Elliott, die im Jahr darauf erstmals in Buchform erschien und jetzt, nahezu ein Vierteljahrhundert später, in deutscher Übersetzung vorliegt.

Elliott zufolge gestaltete sich die geistige Aneignung der Neuen Welt sehr viel mühevoller als die materielle. Die schnellen Erfolge bei der Unterwerfung der amerikanischen Bevölkerung und die Reichtümer, die insbesondere die amerikanischen Silberminen abwarfen, verfehlten ihren Eindruck auf das europäische Selbstbewußtsein nicht, wurden aber oft enorm überschätzt. Sie verstellten zudem lange den Blick dafür, daß der Alte Kontinent durch die Begegnung mit dem Anderen, mit fremden Völkern und Landschaften, wesentlich radikaler herausgefordert war als militärisch und wirtschaftlich. Diese Herausforderung wurde allerdings, so die These des Verfassers, von den Zeitgenossen Kolumbus’ (wie auch von ihm selbst) nur zögernd angenommen.

Eine solche Behauptung ist natürlich schwer zu beweisen, wie Elliott zugibt, zumal er auch die Anhaltspunkte nicht unterschlägt, die eher auf das Gegenteil hinweisen. Daß viele Berichte aus der damaligen Zeit, so selbst die Autobiographie Karls V., sich über die Neue Welt ausschweigen und zahlreiche Kartographen sich bis ins späte 16. Jahrhundert über ihre Existenz hinwegsetzten, ist in Elliotts Augen nur eines unter vielen Anzeichen dafür, daß das öffentliche Bewußtsein der neuen Wirklichkeit nicht immer aufgeschlossen gegenüberstand. In die gleiche Richtung scheint ihm die Tatsache zu weisen, daß die bedeutenden ethnographischen Studien, die die Mönche Sahagún und Durän im 16. Jahrhundert über die unterworfenen Völker anfertigten, drei Jahrhunderte auf ihre Drucklegung warten mußten; und von einer Verklärung der Person des Entdeckers und seiner Tat sei anfangs wenig zu spüren gewesen.

Die Argumente, die in den letzten Jahren immer lauter gegen den unmittelbaren kausalen Zusammenhang zwischen der Edelmetalleinfuhr aus den spanischen Kolonien und der Preisrevolution in Europa vorgebracht wurden, greift auch Dieter Boris in seinem Buch "Ursprünge der europäischen Welteroberung" auf. Bis heute wird die Erhöhung der Geldmenge durch den Zustrom amerikanischen Silbers gern zur Erklärung der gewaltigen Teuerungswelle herangezogen, die im 16. Jahrhundert von den Zentren des spanischen Atlantikhandels ihren Ausgang nahm und weite Teile Europas erfaßte.

Diese monetaristische Erklärung ist laut Boris zu mechanistisch gedacht. Manipulationen der Regierungen am Nominalwert ihrer Währungen waren zu jener Zeit nicht ungewöhnlich; sie könnten die Vervielfachung der Preise immerhin mitverschuldet haben. Zudem waren von der Verteuerung in erster Linie die Grundnahrungsmittel betroffen, nicht so sehr gewerbliche Produkte; bei einer allgemeinen Geldentwertung wären beide Bereiche gleichermaßen berührt gewesen.