Von Christian Tenbrock

New York

In New York ist das Jahr der Frauen schon vorbei. Zwei weibliche Kandidaten waren hier gegen zwei männliche angetreten, um sich für die Demokraten um einen der beiden Senatssitze des Bundesstaates zu bewerben: Geraldine Ferraro, die 1984 als erste Frau Amerikas für das Amt des Vizepräsidenten vorgesehen war, und Elizabeth Holtzman, die oberste Finanzkontrolleurin von New York City. Am Ende, nach einem von Feindseligkeit und übelster Nachrede gekennzeichneten Wahlkampf, scheiterten beide. Nun wird bei den Demokraten ein Mann, New Yorks Generalstaatsanwalt Robert Abrams, am 3. November gegen den Republikaner Alfons d’Amato ins Rennen gehen.

Aber wie immer ist New York nicht Amerika. Wenn in einem Monat die Wähler nicht nur über ihren Präsidenten, sondern auch über ein Drittel der Senatoren und sämtliche Abgeordnete entschieden haben werden, dürften mehr Frauen als jemals zuvor ins Zentrum der politischen Macht der Vereinigten Staaten eingezogen sein. Was seit zwei Jahrzehnten stets vorhergesagt wurde, scheint 1992 erstmals Wirklichkeit zu werden – ein Jahr der Frauen in der amerikanischen Politik.

Schon jetzt haben Republikaner und Demokraten elf Frauen für den Senat und 106 Kandidatinnen für das Abgeordnetenhaus nominiert. Illinois könnte erstmals eine schwarze Frau in den bislang blütenweißen Senat schicken; Kalifornien wird künftig wohl mit zwei Senatorinnen in Washington vertreten sein. Am Werk ist eine politisch potentiell hochexplosive Mischung: Weibliche Wut über die männliche Dominanz im politischen Establishment verbindet sich mit der allgemeinen Politikverdrossenheit und dem Ärger über den Machtmißbrauch in der Hauptstadt. Schlagkräftige Frauenorganisationen stehen den Kandidatinnen aus beiden Parteien mit Geld, Schulung und Kampagnen zur Seite. Der Erfolg ist absehbar: Die Zahl der Frauen im Senat wird sich vielleicht verdreifachen, die der weiblichen Abgeordneten im Repräsentantenhaus fast verdoppeln.

Dies käme fast einer Zeitenwende gleich. Auch in Washington dominierten bislang die grauen oder blauen Anzüge. Nicht nur, daß George Bush Mitglied in vier alleine Männern vorbehaltenen Privatclubs ist; auch im inneren Zirkel der wichtigsten Präsidentenberater und im Kabinett haben Frauen kaum Platz. Und obwohl es in Amerika 5,9 Millionen mehr stimmberechtigte Frauen gibt als Männer, sitzen im 100 Köpfe starken Senat nur zwei Senatorinnen. Das Verhältnis im Abgeordnetenhaus lautet 406 zu 29. Ein über die Korridore und Büros der Hauptstadt gespanntes Netz von good ol’ boys bestimmt den Lauf der Politik.

Jedenfalls war das so bis vor einem Jahr. Damals saßen vierzehn Mitglieder des Rechtsausschusses im Senat über die schwarze Professorin Anita Hill zu Gericht, die vorgegeben hatte, von dem Richter Clarence Thomas sexuell belästigt worden zu sein, den Präsident Bush für den Obersten Gerichtshof nominiert hatte. Bis ins intimste Detail wurde Hill über ihr Sexualleben ausgefragt. Im Ausschuß war nicht eine einzige Frau vertreten, dafür aber der durch seine zahllosen Frauengeschichten in Verruf geratene Demokrat Edward Kennedy.