Von Michael Winter

Als der frischgebackene Generalissimus der französischen Armee, Georges Robert Nivelle, im April 1917 in einer gigantischen Offensive gegen den verwundbarsten Punkt der deutschen Frontlinie, die Noyon-Spitze, gut hundert Kilometer nördlich von Paris, vorstoßen wollte, in der Absicht, die letzte Entscheidungsschlacht des Ersten Weltkrieges zu schlagen und Frankreich zum Sieg zu führen, traf er ins Leere.

Die Deutschen waren abgezogen. Sie hatten das Gebiet der Picardie zwischen Bapaume und Soissons, in dem über zwei Jahre lang um jeden Quadratmeter ungeheure Mengen von Blut geflossen waren, in eine Mondlandschaft verwandelt, die arbeitsfähige Bevölkerung evakuiert, die Alten und Kranken ihrem Schicksal überlassen. Über diese Aktion „Alberich“ berichtet Ernst Jünger in seinem Kriegstagebuch, das unter dem Titel „In Stahlgewittern“ 1920 erschien:

„Ganze Kompanien stießen und rissen Mauern um oder saßen auf den Dächern und zertrümmerten die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen ... Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, umherrasen. Sie fanden mit zerstörerischem Scharfsinn die Hauptbalken der Häuser heraus, befestigten Seilo daran und zogen mit taktmäßigem Geschrei so lange, bis alles zusammenprasselte ... Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verseucht, jeder Flußlauf abgedämmt, jeder Keller gesprengt ... jede Schiene abgeschraubt, jeder Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, wir verwandelten das Land, das den vordringenden Gegner erwartete, in eine Wüstenei.“

Die Enttäuschung der Franzosen war grenzenlos. Sie wuchs sich zur Verzweiflung aus, als die Versuche Nivelles, die neue, verkürzte und verstärkte Frontlinie der Deutschen zu durchbrechen, mit einer Katastrophe endeten. Die Verluste vor allem am Chemin des Dames waren mit die höchsten auf dem westlichen Kriegsschauplatz: 135 000 Tote und Schwerverwundete. Der von Nivelle geschürte Optimismus schlug in tiefen Pessimismus um, der zu einer der größten Meutereien in der modernen Kriegsgeschichte führte. Ganze Divisionen verweigern den Befehl. Die Soldaten fordern Soldatenräte nach dem Vorbild der Russen in der Februarrevolution. Viele marschieren zum nächstgelegenen Bahnhof und stürmen den Zug nach Paris. Die Armee ist in Auflösung begriffen. General Pétain, der Nivelle inzwischen abgelöst hat, greift mit brutaler Härte durch. Leute, die bei dem Ruf „Nieder mit dem Krieg! Es lebe der Frieden!“ erwischt werden, läßt er zur Abschreckung erschießen.

Der totale Mißerfolg der Frühjahrsoffensive ist den meisten Franzosen ein Rätsel. Um von der Unfähigkeit der Militärs abzulenken, facht die nationalistische Presse die ohnehin auf beiden Seiten der Front grassierende Spionenhysterie an. Es gibt nur eine Erklärung: Verrat!

Allerdings war General Erich Ludendorff von jeder Einzelheit des Vorhabens Nivelles bestens unterrichtet. Aber nicht durch deutsche Spione, sondern letztlich durch Nivelle selber, der bis zu den niedrigsten Offiziersrängen seine Pläne, die eigentlich Staatsgeheimnis hätten sein müssen, verteilt hatte. So fanden die Deutschen entscheidende Dokumente im Februar bei der Leiche eines Offiziers und Anfang April noch einmal bei einem toten Feldwebel. Außerdem war seit Februar 1917 in allen Pariser Cafés die Rede von der Offensive.