NÜRNBERG/WEIMAR. – Der Kultusministerkonferenz dieser Woche sieht man in den Rathäusern von Weimar und Nürnberg mit einigem Herzklopfen entgegen. Auf der Tagesordnung steht die Frage, welche der beiden Städte die Bundesregierung beim Treffen der EG-Kultusminister Mitte November als „Europäische Kulturstadt“ vorschlagen soll.

Das Gerangel um die Nominierung zieht sich schon geraume Weile hin (siehe DIE ZEIT Nr. 26 vom 19. Juni 1992). Im Oktober 1991 gaben Nürnberg und seine polnische Partnerstadt Krakau bekannt, daß sie die Veranstaltung im Jahr 2000 gern gemeinsam ausrichten würden. Etwas später kündigte Weimar seine Kandidatur für das Jahr 1999 an, in dem Goethes 250. Geburtstag gefeiert wird. Aus Proporzgründen aber sollen Städte aus demselben geographischen Gebiet nicht in zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Zuschlag erhalten.

Alle Kandidaten beteuern, daß die für das Festival benötigte Infrastruktur in ihren Städten teils schon vorhanden sei, teils werde sie – unabhängig von der Nominierung – bis zur Jahrtausendwende ohnehin geschaffen. Nimmt man dies für bare Münze, haben sich die Kultusminister lediglich zwischen zwei unterschiedlichen Konzepten zu entscheiden.

Nürnberg und Krakau erhoffen sich von ihrer Doppelbewerbung, der ersten in der neunjährigen Geschichte des Kulturstadtfestivals, eine gesamteuropäische Wirkung. Seit April liegt eine aufwendig gestaltete, zweisprachige Bewerbungskassette vor. Ihr zufolge soll die deutsch-polnische Veranstaltung im Jahr 2000 nicht nur das beiden Städten gemeinsame historische Erbe präsentieren. Die Initiatoren möchten zugleich die Europa-Idee greifbar machen und das Festival deshalb der Leitidee „Europäische Wege“ unterstellen. Die vielfältigen Wege von Nürnberger und Krakauer Bürgern quer durch Europa – sei es als Künstler, Handwerker, Studenten, Händler, religiös Verfolgte oder politische Flüchtlinge – sollen in verschiedenen Medien und Aktionsformen aufgedeckt, bewahrt und, wo möglich, mit neuem Leben erfüllt werden.

Die „Dokumentation zur Entscheidungsfindung“, die Weimar, die Stadt Goethes, im August herausgab, ist ein blasses Thesenpapier voller Wiederholungen, Worthülsen, Stilblüten und überflüssiger Gänsefüßchen. Unter den Gründen, die für diese Stadt sprächen, etwa heißt es: „Weimars Anziehungskraft hat weltweiten Zuspruch an Intellektualität.“ Oder: „Weimars geographische Lage – mitten im Europa der Regionen von 1999 – hat ‚Signalpotential‘ in alle Richtungen.“ Das Leitbild werde von „kultureller Qualität und internationaler Zusammenarbeit“ geprägt sein.

Auf unbeholfene Weise variiert der Text im wesentlichen einen Gedanken: Höchster Ausdruck von Kultur ist es, unterschiedlichste Phänomene zu integrieren und dadurch Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Dies gilt es gerade angesichts des Aufbruchs in eine neue Zeit zu dokumentieren, zu leben und zu festigen.

Dem Thesenpapier zufolge ist Weimar wie keine andere Stadt für eine solche Aufgabe geeignet. Von hier seien seit Jahrhunderten entscheidende humanistische Denkanstöße ausgegangen. Durch das in unmittelbarer Nachbarschaft errichtete KZ Buchenwald werde jedoch zugleich das „Elend von Kultur“ deutlich. Vor allem aber sei Weimar keine Wirtschaftsmetropole. Deshalb werde das Festival nicht in eine gigantische Leistungsschau ausarten, sondern eine von der Kultur dominierte „Stadt der Zukunft“ vorstellen. Im real existierenden Sozialismus nutzten viele Oppositionelle den Freiraum der Kultur, um ein unabhängiges Wertesystem zu schaffen und zu bewahren. Von diesem Geist ist die Weimarer „Dokumentation“ durchtränkt. Nicht von ungefähr heißt es darin, die Entscheidung für die thüringische Klassikerstadt wäre ein „Signal des Sieges von Demokratie und Freiheit“.