Von Jens Reich

Die globale Zivilisationskrise erwischt die deutsche Wissenschaft "auf dem linken Fuß". Sie ist voll absorbiert durch die strukturelle und personelle Erneuerung auf dem Gebiet der verblichenen DDR. Deren Notwendigkeit wird niemand bestreiten; vielmehr ist unerträglich, daß sie an vielen Orten mit einem Verdrängungskrieg im Kampf um Posten und knappe Mittel vermengt ist. Überdies ist die technische Basis der ostdeutschen Wissenschaft erneuerungs- und modernisierungsbedürftig. Gerätepark und technische Substruktur sind veraltet und durch improvisierte Ersatzentwicklungen deformiert. Hinzu kommt die Sanierung von Altlasten als Folge der Vernachlässigung des Sachvermögens in der DDR.

All das hat dazu geführt, daß große Anteile der Forschungskapazität seit der Währungsunion für nunmehr über zwei Jahre leer laufen, auf Entscheidungen harren und bei vollem Kostenanfall nur geringe Resultate bringen. Das Warten auf die Evaluierungsresultate und Strukturentscheidungen hat die Arbeit lange gelähmt. In vielen Instituten dauert die Warterei auch heute noch an, stehen Berufungen aus, sind gegen Entlassungen Klagen anhängig, wurden Förderungsanträge auf Eis gelegt. Erschwerend für eine sinnvolle Fluktuation von Mitarbeitern zwischen West und Ost wirkt sich auch die Gehaltsschranke aus. Sie schreckt viele westliche Kollegen ab, oder sie schafft zwei Klassen von Wissenschaftlern mit entsprechenden sozialen Spannungen.

Auch dort, wo richtungsweisende Entscheidungen gefallen sind, ist die Situation kritisch. Zugesagte Investitionsmittel müssen für Sanierung, teilweise zur reinen Bestandserhaltung, zur Rettung von Gebäuden eingesetzt werden anstatt für den Neuaufbau von Forschung. Das gesamtstaatliche Mißverhältnis zwischen Mittelverwendung für reparative Zwecke zuungunsten von innovativem Einsatz wiederholt sich auf dem Gebiet der Wissenschaft.

Der Aufbau der Grundlagenwissenschaft im Osten Deutschlands gerät dabei in eine ungute doppelte Frontstellung. Zum einen tritt er in Konkurrenz zur Wissenschaftsförderung in den alten Bundesländern, da der Haushalt die Belastung ohne proportionale Aufstockung mittragen muß. Andererseits kollidiert er als Kostenfaktor mit dringenden sozialen Absicherungen und der Infrastruktursanierung der Wirtschaft. Beide Male steht die Wissenschaft als unwillkommener Verbraucher da.

Die ostdeutsche Wissenschaft ist in einer Notsituation, die in manchen Aspekten der Lage nach dem Ersten Weltkrieg vergleichbar ist. Auch damals gefährdete wirtschaftliche Not die Weiterführung langfristiger Forschungsprojekte (wie zum Beispiel des Grimmschen Wörterbuchs), auch damals drohte ein ernstzunehmender Abfall des Entwicklungstempos der Wissenschaft. Der akademische Nachwuchs konnte seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten und wanderte in andere Berufe ab. Viele wurden arbeitslos oder verloren ihr erspartes Vermögen. Bibliotheken konnten die Fachliteratur nicht mehr bezahlen, die experimentelle Ausstattung der Naturwissenschaften vermochte mit der internationalen Entwicklung nicht mehr Schritt zu halten.

Damals wurde eine "Notgemeinschaft Deutsche Wissenschaft" ins Leben gerufen, die sich an die Öffentlichkeit wandte, um Unterstützung einzuwerben. Sie konstituierte sich als Verein, der mit staatlichen und privatwirtschaftlichen Mitteln in kritischen Situationen einsprang und in den Jahren zwischen 1920 und 1934 dazu beitrug, die internationale Geltung der deutschen Wissenschaft zu retten. Leider wurde in der Hitlerzeit alles wieder verspielt, aber das steht auf einem anderen Blatt. Unsere heutige Situation ist nicht ernsthaft mit der von 1920 vergleichbar. Es geht nicht um akute materielle Not nach einem verlorenen Krieg. Aber die Reparatur und Neugestaltung der Wissenschaft im Osten ist ebensowenig wie damals allein aus öffentlichen Mitteln zu bezahlen.