Ganz von Sinnen können sie nicht sein, die Politiker. Denn "die Herren gegenüber von der anderen Seite der Bannmeile haben die Bedeutung des Pantheon erkannt und unseren Gründungstag zum Feiertag erhoben". Vor fünf Jahren, am 3. Oktober 1987, wurde die Kleinkunstbühne am Bundeskanzlerplatz, die sich selbst einen Satire-Tempel nennt, eröffnet. Wolf gang Neuss feierte damals das PANTILLIONG als das geistige Zentrum BONNZ.

An dem Tag, an dem das offizielle Bonn in Schwerin die deutsche Vereinigung feierte, zelebrierten also die Kabarettisten im Kellertheater sich selbst. Vielleicht sind sie nicht gerade das geistige Zentrum, aber das selbstkritischste ganz gewiß, das sich auf zutiefst rheinländische Weise ("Freies Rheinland"!) die Einheit zur Daueraufgabe erklärt. Für ein multikulturelles Zusammenleben plädierten die Kabarettisten mit dem Argument, "schließlich leben Rheinländer und Westfalen auch in einem Bundesland, das ist furchtbar, aber es geht".

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Damals, als sie klein anfingen im Pantheon, interessierte Helmut Kohl noch die Kabarettisten. Aber jetzt, nach zehn Jahren Kanzlerschaft, ist die Zeit darüber hinweggegangen. Selbst Kabarettisten nehmen Kohl emotionsloser zur Kenntnis: der Kanzler als Teil des politischen Mobiliars.

So stellte der Kabarettist Thomas Freitag einfach einen leeren Stuhl auf die Bühne des Pantheon: "Reserviert für Herrn Dr. Kohl." Es kam aber nicht der Kanzler, sondern an seiner Statt die "schweigende Mehrheit", die jetzt mehr als genug Stoff abgibt für bitterböse Satire. Das Kabarettisten-Fazit nach zehn Jahren Kohl: "Lieber Helmut, Du hast sie wirklich geschafft, die geistig-moralische Wende."

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Zum "Zehnjährigen" Helmut Kohls hat ein ehemaliger Außenminister eine nachlesenswerte Rede gehalten. Er hat alle Fragen gestellt und alle Bedenken vorgetragen, die er loswerden wollte. Er hat unverkrampft über sein Wendemanöver von 1982 gesprochen. Er hat Wahrheiten gesagt und trotzdem den lieben "Helmut" seiner ergebensten Freundschaft versichert. Ein Meisterwerk der Kleinkunst. Nach Matthias Beltz, Dieter Hildebrandt oder Jutta Wübbe müssen die Pantheoniken unbedingt das Naturtalent aus Halle auf die Bühne einladen, das unter dem Namen Genscher bekannt geworden ist.

Gunter Hofmann