Von Dieter E. Zimmer

Die Katastrophenlüsternheit der Menschen ist unersättlich. Auch wo es wirklich ringsum kracht, erfinden sie sich munter imaginäre Katastrophen hinzu. Wenn in den jungen Bundesländern so vieles untergeht – warum dann nicht auch gleich der Buchhandel mit?

An Belegen für seinen Zusammenbruch scheint es ja auch nicht zu fehlen. Im Zentrum der Bücherstadt Leipzig die Hinrichs’sche Buchhandlung in der Mädlerpassage verschwunden, die internationale Buchhandlung daneben ebenfalls, gerade schließt draußen auch die feine Gewölbebuchhandlung am Markt, und sogar die große Franz-Mehring-Buchhandlung an der Universität kann sich an diesem Standort vielleicht nicht halten. In Berlin-Mitte hat Unter den Linden ein „Brandenburger-Gate Shopping Center“ das Lokal der edlen Universitätsbuchhandlung bezogen und hält dort nun Berliner-Junk feil; dem Kunstsalon ein paar hundert Meter weiter ist gekündigt; wo sich, noch einige hundert Meter weiter, nach der Wende ein ramschiger „Büchermarkt“ im Laden des Sowjetischen Buchs etabliert hatte, steht das Lokal leer – die Linden sind demnächst also buchhandelsfrei.

Die Karl-Marx-Allee ebenfalls. An einem Fenster der großen, zweigeschossigen Karl-Marx-Buchhandlung steht: „1953 gegründet – 1992 geschlossen“; Photos strahlender Menschen erinnern an die Glanztage dieser Buchhandlung, damals in einem anderen Zeitalter: Johannes R. Becher zu Besuch, Arnold Zweig, Bruno Apitz. Es ist ein verkaufsoffener Donnerstagabend, aber hier wimmelt kein frohes und freies Volk, wie es ein Goethe-Spruch am Eingang der einstigen Stalin-Allee herbeizubeschwören suchte, übrigens schon damals vergebens; viele andere Geschäfte sind hier bereits (wieder) geräumt, und die meisten der verbleibenden sehen so aus, als würden ihre Inhaber lieber heute als morgen auch das Weite suchen.

Innen wirkt die Karl-Marx-Buchhandlung eher wie ein museales DDR-Environment: der gleiche kränklich-grüne Wandanstrich, die gleichen abgewetzten Stufen, die gleichen freudlosen Regale, in denen nun allerdings andere Bücher stehen, für deren Einkauf man auch keinen Plastikkorb mehr braucht; aber das große Marx-Bild an der Wand hält trutzig die Stellung. „Das wird und wird hier nicht voller“, bemerke ich beim Bezahlen an der Kasse. – „Ja, woher soll es denn auch kommen?“ antwortet die Buchhändlerin. „Erstens ist hier ja nu wirklich nüscht los. Zweitens is uns auch das Geld ’n bißchen knapp geworden, nicht?“ 27 000 Mark Monatsmiete verlangt jetzt die lokale Wohnungsbaugesellschaft, also der Berliner Senat für dieses gut 1000 Quadratmeter große Geschäft, dessen Fläche zu zwei Dritteln für Verkaufs- oder Lagerzwecke ungeeignet ist (denn in der DDR wurde entweder geknapst oder geaast). Da sich das nie und nimmer erwirtschaften läßt, ist der baldige Tod dieser Buchhandlung wohl unabwendbar.

Trotzdem ist es falsch, aus dem Ableben dieser oder jener Buchhandlung auf den Zusammenbruch der ganzen Branche zu schließen. Buchhandlungen sind uns selbstverständlich lieb und die materielle Basis unserer Schriftkultur, aber sie sind keine unvergänglichen Pergamonmuseen. Manch eine beginnt plötzlich zu verwahrlosen oder geht auch ganz ein, andere sind im Kommen. Eine gewisse Fluktuation ist kein Drama, zumal in einer Zeit, da so vieles sich ändert. In der Leipziger City haben sich neue Buchhandlungen auf getan; nicht weit von den Linden hat in der Friedrichstraße Westberlins größter Buchhändler Kiepert, zunächst zurückhaltend gegenüber den Verlockungen eines schnellen großen Ost-Geschäfts, einen neuen Laden eröffnet, ein zweiter folgt demnächst gleich hinter der Humboldt-Universität.

Ein paar von berufsmäßigen Pessimisten oder Optimisten ausgewählte Einzelfälle erlauben in Wahrheit noch keinerlei Schluß darauf, wie der ostdeutsche Buchhandel das Ende der DDR überstanden hat. Die Gesamtdaten aber zeigen, daß die Neustrukturierung hier einmal glimpflicher abgelaufen ist als in den meisten anderen Wirtschaftszweigen, glimpflicher jedenfalls als im ostdeutschen Verlagswesen, das inzwischen zwar ebenfalls nahezu ganz in Privateigentum überführt wurde, aber noch weit davon entfernt ist, aus eigener Kraft existieren zu können.