Von Lutz Reidt

Vom Stettiner Berg, einem rund fünfzig Meter hohen Endmoränenhügel bei Mescherin im nordöstlichen Zipfel von Brandenburg, hat man eine besondere Aussicht auf eine in Mitteleuropa einzigartige Flußauenlandschaft, in der sich Erlenwälder und Silberweiden entlang unzähliger Altarme der Oder schlängeln.

Seit 1945 hat kaum ein Mensch diesen feuchten Schwamm zwischen West- und Ostoder mehr betreten. Die kleinen Deiche sind längst verfallen, natürliche Überflutungen konnten seitdem ungestört das Zwischenstromland prägen. Dieser knapp 6000 Hektar große Streifen auf polnischer Seite wird das Herzstück im künftigen Nationalpark „Unteres Odertal“ sein. Und instinktsicher haben sich schon jetzt polnische Grenzgänger besonderer Art die intakte Auenlandschaft im unteren Odertal ausgeguckt: Elche. Es sind wahrhaftige Riesen, knapp zwei Meter groß und 500 Kilo schwer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Polen nur noch wenige Exemplare. Durch Wiederansiedlung und Zuwanderung aus der Sowjetunion wuchsen die Bestände jedoch rasch wieder an. „Heute umfaßt das Siedlungsgebiet der Elche wieder ganz Polen, mit Ausnahme des Gebirges und des Gebirgsvorlandes“, skizzierte der Biologe Jan Raczynski aus Bialystok den Status quo.

Neu ist das nicht. Die Tiere kommen durch die Oder nach Westen. Seit Beginn der sechziger Jahre wechselten immer wieder einzelne Elche in die damalige DDR. Dort wurden sie als „standortfremdes“ Wild abgeschossen. Ein besonders wanderfreudiger Koloß überwand Anfang der siebziger Jahre sogar den Eisernen Vorhang: „Das war ein jüngerer männlicher Elch, der durch die Lüneburger Heide über das Münsterland bis in die Nähe von Dortmund kam, bevor er dann bei Dinslaken auf der Autobahn überfahren wurde“, erinnert sich der Göttinger Wildbiologe Eberhard Schneider.

Daß sich Elche in den Wäldern des Nordostens auch dauerhaft etablieren, hält Schneider für wahrscheinlich: „Das ist mehr eine Frage unserer Akzeptanz als des Lebensraumes. Dabei wird sich die Ausbreitung an den Feuchtgebieten orientieren.“ Denn Elche haben einen hohen Salzbedarf, den sie durch Wasserpflanzen weitaus besser decken können als durch Landpflanzen. Das zeigt sich auch im klassischen Verbreitungsgebiet Polens, der masurischen Seenplatte mit den vielen Mooren und Sümpfen.

Aber Elche tun sich häufig auch an Waldbäumen gütlich. Berüchtigt ist das „Niederreiten“: Sie biegen junge Kiefern mit ihrem massigen Körper um, bis sie brechen, knuspern die jungen, oberen Knospen ab und schälen dann auch noch die Rinde vom Stamm. Jan Raczynski zweifelt, ob die deutschen Förster das Eindringen der polnischen Elche tolerieren werden.