Kaum war Horst Köhler Staatssekretär im Bundesfinanzministerium geworden, dachte er bereits an den nächsten Karrieresprung. Irgendwann, sagte Köhler damals, wolle er selbst einmal ganz oben Chef werden – nicht in einem Ministerium, sondern in der Wirtschaft. Wenn nicht noch Unerwartetes geschieht, wird der heute 49jährige Spitzenbeamte Mitte nächsten Jahres sein Ziel erreicht haben – als hauptamtlicher Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.

Für die Bundesregierung ist der Weggang Köhlers ein herber Verlust. Denn nach seinem Amtsantritt als ranghöchster Beamter im Finanzministerium Anfang 1989 hat Köhler als Nachfolger von Hans Tietmeyer, der in die Spitze der Bundesbank gewechselt war, schnell eine Schlüsselrolle in der Regierung eingenommen. Ob es um den Vertrag über die Europäische Währungsunion oder die deutsche Finanzhilfe für den Golfkrieg, die milliardenschwere Unterstützung für den Abzug der sowjetischen Truppen aus der Ex-DDR oder die Beilegung der jüngsten Währungsunruhen ging – immer war Köhler als Unterhändler der entscheidende Mann im Hintergrund.

Der sachkundige, promovierte Volkswirt wurde der wichtigste Berater Helmut Kohls in allen internationalen Wirtschafts- und Finanzfragen – noch vor seinem direkten Chef, Theo Waigel, oder Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann. Als persönlicher Beauftragter des Kanzlers bereitete er die Weltwirtschaftsgipfel in Houston, London und zuletzt in München vor. Kohl entsandte ihn als Emissär zu diffizilen Verhandlungen mit Michail Gorbatschow und Boris Jelzin. Der Kanzler schätzte nicht nur die Kenntnisse des Staatssekretärs, sondern auch die strikte Loyalität. Der Staatssekretär vermied Indiskretionen nach außen und vertrat stets die Regierungslinie.

Doch intern trat er auch unbequem auf. Köhler, so wissen Insider, war im Ministerium der einzige, der immer wieder vor der ausufernden Staatsverschuldung warnte. Und er war es auch, der – noch als Leiter der Grundsatzabteilung – anregte, das Ärgernis der mangelnden Besteuerung der Sparzinsen zu beseitigen.

Seine Blitzkarriere in Bonn startete er unter Gerhard Stoltenberg, der ihn nach dem Regierungswechsel 1982 aus der Kieler Staatskanzlei mitbrachte und zunächst als Redenschreiber, dann als Büroleiter beschäftigte. Aber auch auf den nächsten Karrierestufen trat Köhler stets bescheiden auf – was manchen über seinen Ehrgeiz und seine Durchsetzungskraft täuschte.

Obwohl seit 1981 Mitglied der CDU, fühlte sich Köhler nach eigenem Bekunden von der Politik stets unabhängig. Auf seinem neuen Posten können ihm Regierungswechsel nichts anhaben. Als oberster Lobbyist der Sparkassen braucht er zwar die Politiker als Ansprechpartner – aber auch Sozialdemokraten gilt Köhler als kompetenter Gesprächspartner. whz