Von Peter Fuhrmann

Seine Spezialität sind Werke aus dem Umfeld Johann Sebastian Bachs, die der Vergessenheit anheimfielen. In mühsamer Kleinarbeit hat er sie aus den Archiven hervorgekramt und zum einen in fundierter Wiedergabe der Schallplatte anvertraut. Oder: Wer in jüngerer Zeit etwa die sogenannte „geistliche“ Musik im Sendegebiet des Westdeutschen Rundfunks verfolgte, konnte über die zahlreichen Eigenaufnahmen von verschollenen Kompositionen des Barock nur staunen. Die Ausführenden sind dabei zu einem Begriff weit über die Region hinaus geworden: die Rheinische Kantorei und das Orchester Das Kleine Konzert. Ihr Leiter: Hermann Max.

Ein günstiger Zufall ermöglichte unlängst dem dieserart rührigen Kirchenmusikdirektor aus Dormagen, sein Aktionsfeld noch auszuweiten. In der nahe gelegenen Prämonstratenserabtei in Knechtsteden veranstaltet er „Festliche Tage für Alte Musik“: Konzerte und Spezialkurse mit Alter Musik. Ein vorzügliches Ambiente: Erst vor wenigen Wochen wurde die bauliche Restaurierung der zwischen 1138 und 1162 errichteten Anlage – mit einer der ersten ganz gewölbten rheinischen Basiliken – abgeschlossen; das Klostergebäude ist nach der Säkularisierung (1895) inzwischen wieder von Missionaren in Besitz genommen worden. Schon seit der Jahrhundertwende hatte es in Kirche und Kreuzgang immer wieder Aufführungen gegeben, die die Grenzen von kirchlicher und weltlicher Kunst sprengten: Schauspiele, Opern und Konzerte in den Klostermauern. Hermann Max kann hier, dank der liberalen Anschauungen der Mönche, diese Tradition Wiederaufleben lassen. Mit Sicherheit hätte eine römische Kurie derlei niemals erlaubt. Doch wie die Prämonstratenser, deren Blick zu keiner Zeit auf den Vatikan, vielmehr durchweg auf Frankreich gerichtet war, orientiert sich auch der Musiker Hermann Max mehr am französischen Vorbild. „Weil es dort weniger Opernhäuser und Sinfonieorchester gibt, wirkt sich die Last der Tradition weniger hemmend aus. Der Sinn für musikalische Erneuerung ist dortzulande offener. Bei uns ist es schwer, die restaurative Geisteshaltung zu durchbrechen.“

Doch wäre für Hermann Max heute eigentlich etwas ganz anderes seines Amtes gewesen: das Thomaskantorat in Leipzig, zu dem er im vergangenen Herbst von der Findungskommission als sechzehnter Nachfolger J.S. Bachs berufen worden war. Nach einwöchigem Einblick in die desolaten Zustände vor Ort hatte er indes schweren Herzens abgesagt. Das Probedirigat hätte nicht schlimmer ausfallen können: ein Chor, der sich sträubte, von seiner – seit Karl Straube und Günther Ramin bis hin zu Hans-Joachim Rotzsch unverändert – verstaubten romantischen Bach-Tradition Abstand zu nehmen, der keinerlei Interesse bekundete, eine auf westlichen Forschungen beruhende Kehrtwendung zu vollziehen – „Wir wissen selber, wie man Bach singt“; ein Leipziger Gewandhausorchester, das seit alters her zu den wöchentlichen Kantaten-Gottesdiensten in der Thomaskirche wie zu den obligaten Oratorienaufführungen der Thomaner dienstverpflichtet ist, das aber nur mit erkennbar größtem Mißbehagen und ständig rotierendem Personal diese Aufgabe sozusagen als „lästigen alten Zopf“ erledigte, das vor allem sich der Idee von Hermann Max verschloß, eine feste Gruppe von Musikern bereitzustellen, die sich spezialisieren und mit dem entsprechenden Instrumentarium ausgestattet werden könnte, sich also nicht länger einer progressiven historischen Aufführungspraxis zu verschließen bräuchte. Ganz zu schweigen von der geistigen und weltanschaulichen Befindlichkeit, die die vierzigjährige Einwirkung des Sozialismus in den Köpfen hinterlassen hat. „Der Rückstand ist zu groß, als daß ich ihn aufholen könnte.“

Beim ehrgeizigen Aufbau seiner Stamm-Ensembles am Rhein freilich wurden dem Dormagener Kirchenmusiker Max anfangs kaum weniger herbe Enttäuschungen bereitet: Am Rande von Großstädten wie Köln und Düsseldorf, meint er, sei eine solche Neugründung schwer, weil einem die Lobby fehle. Was die Großstädte bei ähnlichen Vorhaben mühelos durchbrachten, nämlich der Geschäftsleitung den Status einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) zu gewähren, sei ebenso gescheitert, wie der in Aussicht gestellte Zuschuß des Ministerpräsidenten, der die Schirmherrschaft übernommen hat, ausblieb. Obendrein habe auch der WDR, mit dem eine langjährige enge Zusammenarbeit bestehe, seine Zuwendungen verringert. Alles in allem ein erheblicher Fehlbetrag, der gedeckt und mit den festen Zuschüssen der nächsten Jahre ausgeglichen werden muß.

Gleich zu Beginn ein Signal mit einer imposanten Aufführung von Bachs h-moll-Messe, die für Hermann Max mehr noch als die Passionen vom „Bazillus der weltlichen Dramatik“, also der Oper, befallen ist. Schon das einleitende „Kyrie“ legt er an wie die veritable Ouvertüre zu einem Musiktheater, in dem der Gegensatz zwischen liturgisch und weltlich völlig aufgehoben ist. Nicht zufällig, betont Hermann Max, habe Bach bei der Komposition der h-moll-Messe die Dimensionen von Calderöns Welttheater im Sinne gehabt: einer Bühne, auf der nicht Schauspieler, sondern reale Menschen mit hohem Affektgehalt operieren. Und weil die biedere und langweilige Kirchenmusik jener Zeit dem gerade in Hochschwung geratenen Operngenre nicht annähernd gewachsen war, habe der Leipziger Thomaskantor, der sich mit seinen Söhnen in Dresden lustvoll an der zünftigen italienischen Oper vergnügt hatte, in das riesige „Sakraltheaterwerk“ etwas davon eingebracht. Ein Musizieren aus Bachschem Geist, demütig, ohne Stars, mit ganzen zwanzig, aber perfekt geschulten Sängern und einem historisch, mit Spezialisten aus Köln, Amsterdam und London besetzten Eliteorchester. Bescheiden traten die Solisten, ganz normal in die Chorpartien integriert, bei den Arien und Duetten aus dem Kollektiv hervor; unter ihnen ließ die Altistin Claudia Schubert erkennen, daß sie auf dem besten Wege ist, die Nachfolge der legendären englischen Altistin Kathleen Ferner anzutreten.

In der von Braunkohle und Petrochemie verseuchten Umgebung westlich des Rheins gegenüber Leverkusen gewinnt die Klosteranlage von Knechtsteden den Charakter einer meditativen Idylle, ist damit für Einkehrtage aller Art, besonders aber für diese Art gehobener musikalischer Auseinandersetzungen, ein idealer Ort. Hier hat Hermann Max einiges anzubieten, gemäß den Wünschen und Ansichten des Hamburger Barock-Komponisten und Theoretikers Johann Mattheson von 1728: „Es bleibet ein Affekt, nur daß die Objecta variieren, daß z.E. hier ein geistlicher Schmerz, dort ein weltlicher, empfunden wird; daß man hier ein geistliches, dort ein weltliches Gut, vermißt... Der Ton, der mich in einer Opera vergnügt, der kann solches auch in der Kirche thun, nur daß er ein anderes Objectum hat.“