NEUBRANDENBURG. – Mitten in Mecklenburg-Vorpommern ein bayerisches Zelt. Auf einer ungastlichen Ebene von braun aufgewühltem und dann hartplaniertem Erdreich steht es, weiß-blau gestreift und sehr einsam in der Mondlandschaft, als wäre es vom Münchner Oktoberfest davongelaufen und hätte sich dann verirrt hier niedergelassen.

Bayern sind auch da. Zwischen den vielen Preußen stehen sie vereinzelt herum. Ein paar jedenfalls. Der berühmteste von ihnen ist der Bundesfinanzminister Theo Waigel, der extra auf ein Mittagessen, ein paar Schnäpse und eine lange Rede vorbeischaut. Als wolle er sich davon überzeugen, daß es in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur niedergeschlagene Ostbürger, verbitterte Ausländer und steineschmeißende Kahlköpfe gibt, sondern auch erfreuliche Dinge, die sich in weiß-blauen Zelten abspielen: zum Beispiel die Grundsteinlegung zum Druck- und Verlagszentrum Nordkurier in Neubrandenburg. Denn was damit auf einer Gesamtfläche von fast 47 Hektar seinen Anfang nimmt, ist ein Teil vom Aufschwung Ost, das Gewerbegebiet Datzeberg im Nordosten der 88 000-Seelen-Stadt.

Drei westliche Zeitungsverlage haben sich zusammengeschlossen, um den Nordkurier, einst SED-Organ von der strammsten Sorte, inzwischen einziger Überlebender des großen Zeitungssterbens am Ort, weiterhin täglich 180 000fach in den umliegenden Briefkästen landen zu lassen. Die Verleger der Augsburger Allgemeinen, der Schwäbischen Zeitung und der Kieler Nachrichten haben sich die Kosten und die Verantwortung geteilt, ein einzigartig friedfertiges Projekt im Osten. Die Redaktionsmannschaft vom Nordkurier bleibt die alte, nur der Chefredakteur, mit Namen Gerd Deckl, ist ein Westimport aus Augsburg. Mit einer Investition von 90 Millionen Mark wird jetzt bis 1994 ein modernes Verlagsgebäude hingestellt mit Druckerei und Redaktionsräumen.

Als der Bundesfinanzminister im Schutze des weiß-blauen Zeltes und umdrängt von aufgeräumten Neubrandenburgern mit dem Hammer dreimal auf den Grundstein haut und lauter gute Sachen herbeiwünscht, geht ein freudiges Schnauben durch die Menge. Aber noch mehr haben sich die Zeitungsleute gefreut, als Waigel kurz vorher den amerikanischen Präsidenten Jefferson zitiert den „Wenn ich zu wählen hätte zwischen zitiert Land ohne Regierung, aber mit vielen Zeitungen, und einem Land ohne Zeitungen, aber mit einer Regierung, würde ich mich für das erste entscheiden.“ Es scheint, der gute Theo Waigel hat den falschen Beruf. sr