Von Milo Dor

Das Regierungsviertel des Tito-Jugoslawien wurde auf dem linken, sandigen Ufer der Savemündung gegenüber von Belgrad gebaut. Ich kann mich noch erinnern, wie man vor dreißig Jahren munkelte, dieses Neu-Belgrad sei auf Sand gebaut und werde eines Tages zusammenfallen. Doch die Glaspaläste stehen auch nach dem Zerfall des Staates, zu dessen Ruhm sie in einem Allerweltsstil errichtet worden waren, noch immer da, aber vollkommen leer. Im Haus des ehemaligen Zentralkomitees werden Büros zu annehmbaren Preisen angeboten, auch den Oppositionsparteien, die jedoch eine vergammelte Wohnung in der Stadt vorziehen, in der Nähe des serbischen Parlaments, dem eigentlichen Zentrum der Macht.

Seit einigen Wochen sitzt im ersten Stock des gespenstisch leeren Regierungsgebäudes ein Mann, den man überredet hatte, das Amt des Präsidenten der neugegründeten föderativen Republik Jugoslawien zu übernehmen, die nur mehr aus Serbien und Montenegro besteht. Es ist der einundsiebzigjährige Romancier Dobrica Ćosić, der sich in seinen Büchern von beachtlichem Niveau und Umfang mit dem Schicksal des serbischen Volks in unserem Jahrhundert auseinandergesetzt hat. Jetzt hat er seinen Schreibtisch mit dem Präsidententisch vertauscht. An dem sitzt er und denkt nach, während ringsherum frischfröhlich gemordet wird.

Ich weiß nicht, ob er das Absurde der Situation seines Landes so empfand wie ich an diesem heißen Spätsommertag, an dem ich aus Novi Sad, wo ich einen Film über die Landschaft meiner Kindheit vorbereiten sollte, einen kurzen Ausflug nach Belgrad gemacht hatte. Ich war mit Milovan Vitezović zum Mittagessen verabredet, der einst ein hellwacher, scharfer Satiriker gewesen war. Später war er zum Fernsehen gegangen, wo er es nun, knapp unter fünfzig, zum Leiter des künstlerischen Programms gebracht hatte. Aber das hatte ihm offenbar nicht genügt, er wurde auch Abgeordneter der sozialistischen Partei von Slobodan Milosevic im neuen, von den Oppositionsparteien boykottierten jugoslawischen Parlament.

Wir saßen im Garten des Restaurants „Madera“ und taten so, als gäbe es keinen Krieg in unmittelbarer Nähe, wie unheilbare Krebskranke, die wissen, daß sie sterben müssen, es aber nicht wahrhaben wollen. Ich hatte den Eindruck, daß ganz Belgrad eine kranke Stadt sei. Man wußte gut, daß dieser Krieg völlig sinnlos, schmutzig und verbrecherisch sei, davon zeugten Hunderttausende Deserteure, die ins Ausland geflüchtet waren, aber niemand war imstande zu sagen, wie dieser Wahnsinn beendet werden sollte und wer das zustandebringen könnte. Arkan, ein ehemaliger bezahlter Killer des Geheimdienstes und einer der Bosse der Belgrader Unterwelt, der eine durch ihre Greueltaten berüchtigte Truppe in schwarzen SS-Uniformen in Bosnien befehligt, kam unlängst nach Belgrad und gab eine Pressekonferenz, doch niemand ließ ihn verhaften. Daß es auf der anderen Seite mit den betont faschistischen Einheiten Kroatiens nicht anders bestellt war, konnte mir kein Trost sein. Ich sagte das meinem Gesprächspartner, aber er sah mich nur stumm an.

Dann ging Vitezović telephonieren und kam mit der Nachricht zurück, der Präsident Ćosić, den ich als Schriftstellerkollegen kannte, erwarte uns um siebzehn Uhr. Wir beendeten unser spätes Mittagsmahl, fuhren durch das Gewühl der Großstadt, in der die Menschen irgendwie abwesend wirkten, obwohl sie scheinbar ganz normal ihrer Wege gingen, passierten die Brücke über die Save und gerieten plötzlich in eine totale Leere.

Vor dem Regierungsgebäude gab es keine Autos, wir waren die einzigen, die davor parkten. Ich dachte zuerst, wir hätten uns geirrt und den Hintereingang erwischt, aber wir standen vor dem Haupteingang. Die Szenerie erinnerte mich an die frühen Gemälde von Giorgio de Chirico, auf denen vollkommen leere Städte zu sehen waren. Wir gingen auch durch lange Korridore, ohne einer Menschenseele zu begegnen, bis wir endlich eine breite Treppe mit rotem Teppich erreichten, an deren Fuß uns ein einsamer Mann hinaufwies. Oben standen ein anderer Mann und ein dritter im großen Vorzimmer; an einem Schreibtisch saß eine Sekretärin, die den Anschein erweckte, als habe sie tatsächlich etwas zu tun. Noch nie war mir das Abstrakte der Macht so bewußt geworden wie in diesem Augenblick.