Von allen Fußballvereinen dieser Welt ist derzeit der VfB Stuttgart der beliebteste. Die Entscheidung des schnelldenkenden Trainers Christoph Daum, das schwäbische Tor im fernen englischen Leeds nicht nur mit deutscher, sondern auch mit gleich vierfacher ausländischer Manneskraft zu verteidigen, hat in den Herzen aller Nicht-Stuttgarter für helles Entzücken gesorgt. Nur drei Gastarbeiter dürfen nach dem Uefa-Reglement pro Team die Stiefel schnüren, und Trainer Daum vermag, auch wenn Manager Hoeness beim Addieren hilft, nun mal nicht bis drei zu zählen.

Das macht aber nichts. Denn wie so viele, die schon in der Schule im Sport gut und im Kopfrechnen schwach waren, ist Christoph Daum ein Genie. Lange haben wir gebraucht, den geheimen Sinn seines Tuns zu enträtseln. Jetzt wissen wir Bescheid: Daum wollte den aggressionsgeplagten Fans ein Zeichen geben, eine (wenn auch riskante) Geste der Versöhnung tun. Denn ist Daums Vertrauen in die kickerischen Fähigkeiten der Herren Dubajic, Simanic, Knup und Sverisson nicht geradezu vorbildlich? Ist es nicht ein rührendes Signal vereinsinternen Kosmopolitismus, wenn beim VfB niemand mehr merkt, wie viele Ausländer überhaupt mitspielen?

Natürlich, die Fans sehen das ganz anders. Gerade bei internationalen Stadiontreffen lieben es die Fußballanhänger, durch kämpferischen Einsatz ihre fehlende Spielübersicht volksgenössisch wettzumachen. Das eint sie mit manch asylpolitisch Verirrtem. Auch die Sympathisanten des VfB Stuttgart greifen bei Heimspielen ausdauernd zu einem unerlaubten Mittel: erdreistet sich ein nicht nur gegnerischer, sondern gar farbiger Spieler wie der Frankfurter Anthony Yeboah, den Ball auch nur zu berühren, so übt sich die einheimische Südkurve im Erzeugen tierischer Grunzlaute.

Diese schwäbischen Choräle haben bei Christoph Daum tiefe Spuren hinterlassen. Lange sann er nach einem Rezept, ein für allemal mit dieser Unmusikalität aufzuräumen. In Leeds war es nun soweit: Kickten beim Gegner nicht Franzosen, Waliser und, der Geschichtskenner glaubt es kaum, sogar zwei Schotten mit? Muß man einem englischen Torwart, der Lukic heißt, nicht zwangsläufig einen kroatischen VfBler zur Versöhnung in den Strafraum schicken? Ist nicht auch der Deutsche Maurizio Gaudino im Grunde seines Herzens Neapolitaner?

Geld, so vermuten wir, spielte in Daums Überlegungen nur eine untergeordnete Rolle. Die zehn Millionen Mark Einnahme Verlust, die Präsident (und Landesfinanzminister) Gerhard Mayer-Vorfelder befürchtet, tauchen in Daums ausländerfreundlichem Kalkül nicht auf. Was ist schon ein Europacup gegen die europäische Einigung! Was die Volkswirtschaft gegen die Völkerverständigung! Daum hat da Prioritäten gesetzt.

Der VfB Stuttgart muß nun wahrscheinlich nochmals gegen Leeds United antreten. Sollte er ausscheiden, werden die Anhänger toben und wird der Schatzmeister sich die Haare raufen. Aber es gibt Fehlleistungen, die sind sympathischer als alle sportlichen Höhenflüge. Und falls für Christoph Daum alle Stricke reißen: Er kann immer noch ins Ausland wechseln.

Christian Gampert