Von Martin Lüdke

Affengeil sollten wir den Mann nicht nennen, obwohl er die tropische Feuchtigkeit einer kubanischen Sommernacht so beschreiben kann, daß der mitteleuropäische Leser anfängt, beim Lesen zu schwitzen. Sensationell ist er schon zu nennen: der Kubaner José Lezama Lima, der 1910 bei Havanna geboren wurde, 1976 in Havanna gestorben ist. Sensationell, im Wortsinn. Deshalb muß man sich ein wenig anstrengen, beispielsweise um das „Geräusch“ zu hören, „das die Fische erzeugen, wenn sie den Kopf wenden, um sich in den Hals zu kneifen“.

Mit solchen Sensationen kann Lezama Lima immer aufwarten, also auch in den jetzt endlich auf deutsch vorliegenden Erzählungen, die zwischen 1936 und 1946 entstanden sind. Vorstufen, Vorstudien zu seinem Hauptwerk: „Paradiso“, einem Bildungs-, Entwicklungs-, Familienroman aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, einem, wie viele lateinamerikanische Kritiker behaupten, Gegenstück zu Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, durchdrungen von europäischer Kultur, gespickt mit Bemerkungen der Art, daß „Herder Goethe bisweilen auf die Nerven ging“, doch dabei immer fest verknüpft mit den kubanischen Verhältnissen, dem bürgerlichen Leben und Streben. „Paradiso“ zählt unumstritten zu den Monumenten lateinamerikanischer Literatur.

Nur wir, die Deutschen, wissen davon nichts. Als im Sommer 1979 die deutsche Übersetzung von „Paradiso“ erschien, haben wir die Sensation schlicht verschlafen. Walter Boehlichs großes Wort vom „Weltruhm“ war ins Leere gerufen. Lezama Lima ist bis heute eine unbekannte Größe geblieben. Die Bildungslücke wäre zu verschmerzen, die Erfahrung der Fremdheit hingegen, die wir bei Lezama Lima wie kaum einem anderen der lateinamerikanischen Autoren machen können (beziehungsweise müssen), nicht. Das ist sein eigentliches Spezifikum. „Etwas, das man sehen, aber nur schwerlich mitteilen kann, sehr ähnlich den Schaudern, die eine kleine Glasdose voller Näh- und Sicherheitsnadeln auch noch im hintersten Raum des Hauses empfindet, wenn die Straßenbahn vorbeifährt.“

Lezama Lima führt uns so nah an die Gegenstände heran, daß sie zunächst an der Oberfläche verschwimmen, um sich dann mehr und mehr aufzulösen, bis sie in einer vielleicht autonomen Bewegung der Sprache, vielleicht aber auch in einer anderen surrealen Realität neuen Halt finden. Die chinesisch drapierte Erzählung „Spiel der Enthauptungen“ steigert so nur noch einmal die rätselhafte Fremdheit der kubanischen Bilder. Der Magier Wang Lung, der den Kaiser haßt und „aus demütiger Ferne“ die Kaiserin liebt, wird, während einer Vorführung am Hofe, gezwungen, den „plebejischsten“ seiner Tricks, eine Köpfung durch das Schwert, am Hals der Kaiserin auszuführen. Der Trick gelingt, wie erwartet. Und doch läßt der Kaiser den Magier ins Gefängnis werfen, auch um zu „beweisen, daß die Autorität über der Magie“ steht. Zugleich stellt er damit noch eine Falle. Die Handlung, eingelassen in die Wirren eines Bürgerkriegs, führt am Ende zu einem ungewöhnlichen Tod der Protagonisten. Die Schaulustigen waren „fortan“ von „Komplexität gezeichnet“. „Später suchten sie häusliche Lösungen, bevorzugten das allmähliche Wachstum ihrer Bäume.“

Selbst die letzte, klarste und auch schönste Erzählung dieses Bandes, „Krebse, Schwalben“, erstmals 1946 veröffentlicht, bleibt nicht nur am Ende rätselhaft. „Eugenio Sofonisco, Schmied, widmete den Sonntagmorgen dem Eintreiben der Rechnungen für das bearbeitete Eisen.“ Eines Sonntags kommt er zu diesem Zweck „in das Haus des Philologen, der ein Zaumgebiß für das junge Pferd des Sohnes seiner Geliebten in Auftrag gegeben hatte, und auch wenn ihm der Kammerdiener entgegentrat, war Sofonisco davon überzeugt, daß der Philologe durch die Hand seines Kammerdieners die Zahlungen zu leisten hatte, die die Sonntage mästeten“. Es kommt jedoch anders, und, vom Bediensteten des Philologen gedemütigt, trollt sich der Schmied unverrichteter Dinge. Am nächsten Sonntag schickt er darum seine Frau, die nicht auf den Hausverwalter und Kammerdiener, sondern auf die Gemahlin des Philologen trifft. Sie habe, meint diese, zwar kein Geld im Haus, könne aber statt dessen „eine ordentliche Rinderkeule“ anbieten. Zu Hause dann hievt der Schmied „die Keule empor und versetzte sie in die Achtbarkeit einer Höhe, die die tägliche Scheibe nicht außer Reichweite geraten ließ, und ging hinaus“. Derweil „schnürte sich“ die Frau des Schmiedes auf und wartet auf seine Rückkehr, um ins Bett zu gehen. „Nackt näherte sie sich der Rinderkeule, betrachtete sie, liebkoste sie von weitem mit dem Blick. Das Bein schwitzte so etwas wie einen Blutstropfen aus, der auf ihrer Brust zu zerplatzen drohte.“ Und damit nimmt das Verhängnis seinen seltsamen Lauf, im wörtlichen Sinn ausgehend von einer „karmesinroten Protuberanz“, was so etwas wie Geschwulst oder Ausbeulung meint. Sie sucht Hilfe bei schwarzen Wunderheilern, und tatsächlich geschieht Wundersames. Nach langen und eher vergeblichen „Kämpfen war sie allmählich wieder zu ihren Spaziergängen in der Abenddämmerung zurückgekehrt. Es war ihr eine Wonne, zwei Erinnerungen zu verknüpfen, sie zu vermischen und dann ihre ironischen Krebsscheren abzutrennen. Sie glaubten, sie sei wieder gelassen, sie flohen sie nicht, doch an ihrer Seite wurde für ihr Schicksal nichts mehr auf den Weg gebracht.“

Die Frau des Schmiedes am Ende dieses schmalen Bandes, der Junge, am Anfang in der ersten Erzählung, der am Meeresufer auf einer Mauer sitzt und: „sah, wie sich im Gleichmaß des Meeres ein schläfriger Strudel öffnete, sein Blick erhaschte eine mattgrüne, perlgraue Alge, geronnenes Rätsel, fließendes Geheimnis“ – beide, die Frau und der Junge, verweisen uns auf eine Literatur, die uns den Blick auf das andere öffnet: eine uns fremde, geheimnisvolle, rätselhafte Welt, die sich dem Touristen ebenso verweigert wie dem Liebhaber des Exotischen.