Von Gisela Dachs

Wien

Bei jeder Frage wippt Hauptmann Liedl mit dem Oberkörper aufmunternd nach vorne: "Warum sind wir dort unten?, Was verlangt die Uno von uns?" Aber die jungen Soldaten drängeln sich nicht gerade, ihre Lektion herzubeten. So beantwortet der Hauptmann seine Fragen lieber selbst. Weitaus aufmerksamer werden die sechzig Soldaten dann, als der Ausbilder den Einsatzkalender – "die Bibel der nächsten acht Monate" – geduldig erläutert. Am Ende wiederholt er noch einmal jene Botschaft, die den Unterschied zum normalen Soldaten klarstellt. "Alles, was in den friedlichen Bereich hineinfällt, ist uns gestattet. An Waffeneinsatz dürfen wir nie denken. Nur dafür haben die UN-Blauhelme den Friedensnobelpreis bekommen."

Fünf Tage später sind die Freiwilligen dann bereits "dort unten" – im Niemandsland zwischen den beiden Fronten auf dem Golan: Seit 1974 dienen österreichische Blauhelme in der Pufferzone zwischen Israel und Syrien. Die Vorbereitung für einen UN-Einsatz ist längst zur Routine geworden. In dieser Woche findet im Trainingszentrum Wien-Stammersdorf aber eine Premiere statt: Zum ersten Mal nimmt ein deutscher Offizier an einem peace-keeping-Seminar für internationale UN-Militärbeobachter teil. Das gehöre zu den "vorbereitenden Maßnahmen im Hause", heißt es auf der Bonner Hardthöhe. Ab Herbst nächsten Jahres will Verteidigungsminister Volker Rühe die ersten deutschen Blauhelme bereithalten. Er geht davon aus, daß sich der Bundestag rechtzeitig über "friedliche Blauhelm-Einsätze" einigt. Bis zum nächsten Herbst soll noch so mancher deutsche Offizier die Schulbank in Wien drücken und von der Erfahrung der Nachbarn profitieren.

Mehr als 30 000 Österreicher haben seit 1960 an peace-keeping Operations der Vereinten Nationen teilgenommen. Noch vor anderthalb Jahren stellte die Alpenrepublik das drittstärkste Kontingent an UN-Soldaten. Doch die Welt hat sich verändert. Inzwischen haben Länder aufgeholt, die bislang kaum Blauhelme anboten, zum Beispiel Frankreich. Insgesamt sind heute rund 48 000 Soldaten bei dreizehn Friedensmissionen der Vereinten Nationen im Einsatz, mehr als je zuvor.

Österreich hat derzeit 43 Militärbeobachter in aller Welt stationiert, 500 Soldaten dienen auf dem Golan und 400 auf Zypern. Worauf es beim Dienst in der Ferne ankommt, lernen sie beim "Kommando Auslandseinsatz" in Stammersdorf, das dem österreichischen Verteidigungsministerium direkt unterstellt ist. Die Mehrheit der Freiwilligen kommt aus der Bereitschaftstruppe des Bundesheers, es sind Zivilisten, die ihre Wehrpflicht erfüllt haben. Die Berufssoldaten sind in der Minderheit.

Vier Wochen lang werden die Freiwilligen auf ihre Mission im Krisengebiet vorbereitet. Militärische Kenntnisse frischen sie auf durch Schießübungen mit Waffen, die sie auch während des Einsatzes bei sich tragen werden. Und doch wird dort alles anders sein. Am Truppenübungsplatz in der Heimat liegen die Soldaten flach auf dem Bauch, schießen also aus der Deckung heraus. Das widerspricht dem Prinzip des UN-Soldaten, der viel se-Von Gisela Dachs hen, aber auch gesehen werden soll. Er trägt die Waffe nur zur Selbstverteidigung. Die Blauhelme sollen vor allem beobachten und Zwischenfälle melden. Sie müssen also vor allem mit der Fernmeldetechnik vertraut sein. Auch kann in multinationalen Verbänden ohne Englischkenntnisse die Verständigung nicht funktionieren.