Von Dorothee Kruse

Wollen Sie, Rudi Carrell, Ihrem „Herzblatt“ treu bleiben, auch im verflixten siebten Jahr? „Ja, ich will!“ gelobte der Showmaster vergangene Woche am Telephon. „Es wäre Schwachsinn, mit Deutschlands lustigster Liebesshow Schluß zu machen.“

Dabei hatte Carrell den Kanal nach langjähriger öffentlich-rechtlicher Ehe eigentlich voll. Nach heftigem Flirt mit RTLplus verkündete er noch im Juli: „Ich wäre froh, wenn die ARD mich rausschmeißt. Nach sechs Jahren und dann 150 ‚Herzblatt’-Sendungen weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.“ Was soll da erst das Team sagen, das seine Arbeit macht?

Die Nachricht vom fliehenden Holländer ereilt die Redakteurinnen der Münchner Produktionsfirma GAT in Berlin. Sie sind gerade auf Kandidatenjagd für 25 neue Folgen der populärsten deutschen Singleshow, die am 9. Oktober wieder anläuft. Die englische Originalversion heißt „Blind date“ und funktioniert bei uns so: Single, durch Schiebewand von drei Singles des jeweils anderen Geschlechts getrennt, versucht mit witzigen Fragen den potentiellen Partnern noch witzigere Antworten zur Person zu entlocken und darf schließlich sein Herzblatt küren.

Cupido Carrell posaunt: „Hier ist Ihr Herzblatt.“ Die Sichtblende fährt zurück, das Paar fällt sich in die Arme, fliegt einen Tag lang mit dem „Herzblatt“-Hubschrauber nach irgendwo und hat Gaudi, heißer Flirt erwünscht. In der nächsten Sendung wird nachgefragt, ob man sich gefälligst nähergekommen ist.

Daß die Dialoge auf lustig frisiert sind und nicht sonderlich spontan, mindert den Spaß nicht. Das Studiopublikum hat alle vier Kandidaten im Visier und klatscht und lacht und fiebert auf den Moment hin, bei dem sich die Traumpartner zum erstenmal sehen. Die Überraschung ist echt, vor der Aufzeichnung werden männliche und weibliche Kandidaten streng getrennt gehalten, sie sollen nicht kiebitzen. Pro Folge braucht es acht dieser originellen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, macht 200 pro Sendestaffel, das bedeutet Casting von rund 2000 Personen. Nur zehn Prozent sind „Herzblatt“-tauglich, nur wenige stammen aus Ostdeutschland. Das Talent zur Selbstdarstellung ist im hedonistisch geprägten Westen ungleich größer.

Singleshows setzen auf junge Gesichter, der Spitzenreiter „Herzblatt“ vom Bayerischen Rundfunk ebenso wie die Konkurrenten „Herz ist Trumpf“, „Geld oder Liebe“, „Liebe auf den ersten Blick“. Beim Bayerischen Rundfunk melden sich zuhauf kontaktbedürftige Zuschauer. Die aber haben das Konzept mißverstanden. Ein Rudi Carrell will nicht Ehen stiften, sondern Unterhaltung verkaufen, auch dann, wenn er wie jüngst bei der ersten und bisher einzigen „Herzblatt“-Hochzeit medienwirksam den Brautführer spielt.