ZEIT: Herr Minister, Sie sind seit einem halben Jahr Herr der Hardthöhe. Zuvor waren Sie Generalsekretär der CDU. Auch heute noch sind Sie ein Mann mit einem Blick fürs Ganze.

Rühe: Dafür bedanke ich mich sehr. Ich arbeite in meinem Bereich daran, Dinge entscheidungsreif zu machen und zu entscheiden. Ich will in den nächsten Monaten alle offenen Fragen der Bundeswehr der Zukunft entscheiden.

ZEIT: Mit den großen Entscheidungen der Nation hapert es jedoch. Das Ansehen der Koalition ist angeknackst durch den Eindruck der Entscheidungsschwäche.

Rühe: Einiges ist vor dem Sommer entschieden worden. Nehmen Sie den Haushalt mit der Begrenzung auf einen Anstieg von 2,5 Prozent. Dann ist die Jäger-90-Frage entschieden worden. In der Pflegeversicherung liegt eine Rahmenentscheidung vor. In der Asylfrage gibt es eine Annäherung innerhalb der Koalition und jetzt auch eine gewisse Bewegung bei der Parteispitze der Sozialdemokraten. Ich halte es für falsch, von Entscheidungsschwäche zu sprechen, wenn es um Dinge geht, für die man mehr braucht als nur die Mehrheit in der Koalition.

Ich weiß, daß die Bürger von uns schnelle und klare Entscheidungen verlangen. Ich glaube jedoch, daß wir in den nächsten Monaten, was den Einigungsprozeß und die anderen offenen Fragen angeht, zu Ergebnissen kommen. Bedenken Sie dabei, daß die Asylfrage nicht irgendein Problem ist, sondern eine Schicksalsfrage gerade für die beiden großen Parteien. Die Zeit der rhetorischen Auseinandersetzung muß beendet werden. Für beide, für Koalition und Opposition, können nur die Ergebnisse zählen.

ZEIT: Sie waren in Ihrer Zeit als CDU-Generalsekretär der CDU dafür bekannt, daß Sie in der Kontroverse auch kräftig hinlangen konnten. In diesem Jahr sind Sie öfter aufgefallen durch höchst behutsame Äußerungen gegenüber der Opposition und sehr behutsamen Umgang mit Oppositionspolitikern von Engholm und Klose bis Lafontaine. Haben Sie Kreide gefressen, oder steht dahinter die Erwartung einer formalen Zusammenarbeit in einer großen Koalition?

Rühe: „Kreide gefressen“ hieße, daß ich mich verstelle und daß es meine eigentliche Natur wäre, andere ständig zu beschimpfen und „hinzulangen“. Das ist nicht der Fall. Was ich jetzt mache, liegt mir mindestens so sehr wie das Austeilenkönnen. Wobei das auch dazugehört. Wenn man Generalsekretär ist, ergibt sich das aus dem Amt, daß man die Unterschiede deutlich macht. Wenn ich da zum Beispiel von „SPD-Asylanten“ gesprochen habe, habe ich den Finger auf die Wunde gelegt, wie sich ja zeigt: Heute bewegt man sich in der SPD.