Mit einem reinen Campus-Roman wollte sich der englische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler David Lodge nicht begnügen. Zwar treten die aus „Ortswechsel“ und „Schnitzeljagd“ bekannten Professoren Zapp und Swallow wieder auf – doch sind aus den geilen Kongreßprofis und Spesenrittern relativ harmlose Zeitgenossen geworden. Für Eingeweihte: Swallow ist unterdessen Dekan an der fiktiven Universität Rummidge und hat sich, mangels Dienstreisen, zu einem treuen Gatten gemausert.

Der Vertreter eines härteren Gewerbes bestimmt in „Saubere Arbeit“ die Szene. Victor Wilcox, eingefleischter Jaguar-Fahrer, Vater dreier Rotzplagen, unglücklich verheiratet, ist Geschäftsführer einer Eisengießerei. „Ach du dickes Ei!“ ruft er eines Tages aus. Und der Leser fühlt mit ihm. Denn das junge Wesen, das in seinem Betrieb aufkreuzt, ist nicht nur überzeugte Renault-Lenkerin, rabiate Feministin und Linke, sondern darüber hinaus auch noch Dozentin für englische Literatur, mit deutlicher Vorliebe für Dickens, Derrida und den ganzen Dekonstruktivismus. Als politische Aktivistin führt sie unzufriedene Arbeiter zu einem wilden Streik; als Dozentin redet sie sowohl Wilcox als auch den Leser schwindlig. Wer den Unterschied zwischen einer Metonymie und einer Metapher noch nicht kannte – bitte, jetzt kann er mitreden. Immerhin gelingt es Robyn Penrose, den Herrn Wilcox mit einer atemberaubenden Philippika über Silk-Cut-Zigaretten hoffnungslos in sich verliebt zu machen.

Gewiß, es geht bisweilen so lustig zu wie in seinen früheren Campus-Romanen. Aber was hilft die schönste Ironie, die schönste Satire, wenn nicht nur die zeitgeistigen Klischees aus dem philologischen Fachbereich reproduziert werden, sondern darüber hinaus der Autor zum Klischee seiner selbst wird? David Lodge hat diese Gefahr geahnt. Vielleicht hat er sich deshalb auf das solide Terrain einer Eisengießerei begeben. Selten zuvor ist man derart fachkundig in die Kunst des Gießens von Maschinenteilen eingeführt worden wie in „Saubere Arbeit“. Nicht von ungefähr widmet der Autor seinen Roman „den Führungsetagen der Industrie, die mich durch ihre Fertigungsstätten und Büros geführt und geduldig meine oft naiven Fragen beantwortet haben, während dieses Buch entstand“. Doch trotz seiner Ausflüge in die Eisenindustrie bleibt er ganz der Literaturprofessor, der er selbst als Romancier noch ist. Selbstverständlich liest sich der zwischen Campus- und Angestellten-Roman changierende Text als Parodie auf jenes Genre, über das Robyn Penrose ein Buch geschrieben hat: den Industrieroman des 19. Jahrhunderts.

Auch die aberwitzige Liebesgeschichte zwischen Vic und Robyn ist eine Love-Story vom Reißbrett. Alles ist von vorne bis hinten inszeniert, mit dem Ehrgeiz, die Inszenierung als Inszenierung deutlich zu machen. David Lodges besonderer Trick: die ironische Totale. Weil es den allwissenden Erzähler heute nicht mehr geben darf, setzt er ihn ostentativ ein. Die Folge: das literaturwissenschaftliche Hauptseminar klopft sich auf die Schenkel, der Rest unterhält sich nur mäßig. So prall auch die literarischen Figuren bei Lodge mit Leben gefüllt werden, letztlich bleiben alle blutleer.

Wenn es stimmt, daß „Romanschriftsteller Kapitalisten der Phantasie sind“ (wie Robyn Penrose behauptet), dann ist David Lodge ein Ausbeuter seines Talents. Ein Satiriker in der Sackgasse.

Hajo Steinert

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