Von Martin R. Dean

Selbst die Sprache, beschwörend, klagend, mahnend und bannend gegen seine sich verschlimmernde Krankheit gekehrt, hat den vor drei Jahren verstorbenen Schweizer Autor Hermann Burger nicht retten können. In seinen Büchern wie in zahlreichen Interviews warb er zuletzt um Verständnis für seinen Fall, der, darin tatsächlich solitär, dem stummen Leiden höchste Sprachartistik abnötigte. Er kündigte seinen Selbstmord so oft an, daß man ihm den Glauben versagte – und als er ihn dann doch vollzog, begriff man erst den bitteren Ernst seiner Selbstinszenierungen.

An dieser Stelle nochmals daran zu erinnern hat indes nicht den Zweck, an seiner seit dem Tod anhebenden Mythologisierung und Genialisierung a posteriori mitzuweben, zumal solch hybrides Rankenwerk die tatsächliche Bedeutung Burgers für die Schweizer Literatur – nach Frisch/Dürrenmatt und alternativ zu seinen gleichaltrigen Kollegen – bloß verschattet. Es ist die ganz und gar Sprache gewordene Unbedingtheit seines Lebens, die rückhaltlose Verschriftlichung seiner Existenz, die ihn aus dem mainstream eidgenössischen Schreibens hob. Seit Robert Walser hatte es keinen solch eigenwilligen Sprachequilibristen mehr gegeben, der die Wörter nicht bloß bog und neu zusammensetzte, sondern der Sprache mit seinen verqueren Neuschöpfungen einen morphologisch-ironischen Spiegel vorhielt. Wer schließlich der zu oft in steter Mittellage, in witzloser Genauigkeit und spröder Vorsicht dahindämmernden helvetischen Literatur sein Gelächter der Selbstverjuxung entgegenhielt, durfte mit geschärftem Mißtrauen rechnen.

Aber die forcierte – und zuweilen etwas geschmacklose – Ver-

scherzung von Lebensstoff in Lesestoff ließ Hermann Burgers CEuvre nicht unbeschadet. Seine letzten Bücher wurden zum Tummelplatz von Privatanekdötchen und Abrechnungen; die Depression verzehrte den Schreibstoff, so daß er nur noch von ihr, von der er sich ja wegschreiben wollte, erzählen konnte.

Dabei hätte das auf vier Bände angelegte Brenner-Opus Burgers Stoffe noch einmal in weitem Kreis einsammeln sollen. Angeleitet von Proust, ganz im Geiste des Fontanschen „Stechlin“ und vor allem im Pneuma unentwegten Zigarrenrauchens machte sich der Tabakrentner Hermann Arbogast Brenner auf die Suche nach seiner Kindheit. Doch wucherten die im ersten Band „Brunsleben“ auftretenden stilistischen und konstruktiven Kinderkrankheiten im zweiten, nun nachgelassenen Band „Menzenmang“ zu eigentlichen Todeskrankheiten für den Text aus. Die Spannung des über Satzkaskaden und Worttürmen modellierten Stiles bricht zusammen; die Sprache läuft, kalauernd und repetitiv, wie eine Leerlaufmaschine weiter. Die vorgebrachten Privatissima aus dem geschädigten Leben schaffen den Sprung ins Allgemeine kaum noch; „jeder Eindruck“ des Patienten „wie ein fader Semmelbrösel seines Trauerklosses“.

Die langsame Heimkehr des seine Kindheit zu Ende rauchenden Brenner an den Ort seiner Geburt, Menzenmang, zugleich der Ort früher Schädigung, wird durch akute Hospitalisierungen in diversen Kliniken immer wieder aufgeschoben. Ganz auf das (nichtfiktionale) Ich zurückgeworfen, gelingen ihm Passagen von eindrücklicher Brillanz: „Dagegen hockte der rekonvaleszente Privateigarier und Tabakrenter ... meistens bis Mittag in der dicksten Erbsensuppe, die Schwaden des Geisterpfuhls krochen durch das in der Bogenzone gegitterte, unten gestabte innere Tor und besetzten s’höfli, so wie er mit dem Stumpenpneuma die Bibliothek mit den ungelesenen Büchern einschwängerte, es war manchmal nicht zu unterscheiden, ob an dem den ganzen Schloßbezirk umwattenden Verschollenheitsdampf die opak opalisierende Waschküche draußen, denn über den Polstern brannte ja das febergschtirn, oder der blaue Havannadunst den größeren Anteil hatte, die Telegraphenstange im hoschtet war nur noch ein dünner Litho-Strich mit den Tabakpfeifen der Isolatorenglocken, die unentwegt ihren Knaster verqualmten, mit grauer Pastellkreide auf die graue Milch der Frühe gemalt die Doggerschräglagen der Klus, über welcher der monstergequaderte Bergfried in die Ulenflucht der trüben Düsternis entwuchs...“