Von Jan Feddersen

Das Regime ist gnadenlos. Draußen hält sich der Himmel bedeckt, ein bißchen schwül ist es auch. Und doch scheint aus allen Gesichtern die Sonne zu strahlen. Klimatische Unpäßlichkeiten spielen in Vichy keine Rolle, der Optimismus der Moderne steht in diesem Teil Frankreichs hoch im Kurs. Ich bin die Nummer fünf.

Vier deutsche Journalisten waren vor mir dort, allesamt eingeladen und aufs sorgfältigste umhegt, um den Kurort zu begutachten, der sich schwer mitgenommen fühlt von der französischen Geschichte im allgemeinen und vom drohenden europäischen Markt im besonderen.

Gastgeber ist die Compagnie Fermière de Vichy, die Firma, ohne die nichts läuft und ohne die Vichy kaum mehr als ein Flecken wäre, der sich ähnlicher Prominenz glücklich schätzen dürfte wie, sagen wir, Bad Eilsen in Niedersachsen, also gar keiner.

Kurz: Die CFV, wie das Zauberkürzel des ganzen Departements lautet, residiert in einem maurisch inspirierten Kuppelbau gleich am Rande des Parc des Sources, sichtbarer und präsenter als der Bürgermeister in seinem Rathaus irgendwo in Bahnhofsnähe.

1853 wurde die CFV gegründet als Konzessionärin der Vichy-Quellen. Was aus der vulkanischen Erde sprudelt, ist pures Geld. Es braucht nur abgezapft zu werden, was die Erde sowieso hergäbe und was andernfalls nutzlos im Boden versickern würde. Seit 1967 steckt hinter dem Geldsegen noch ein anderes Unternehmen: Perrier.

Und genau diese auf Mineralwässer spezialisierte Firma hatte vor vier Jahren unternehmerische Ambitionen über die Getränkezubereitung hinaus: Vichy sollte Europas Hauptstadt der Gesundheit werden. Eine Milliarde französische Franc, gut 300 Millionen Mark, läßt es sich das Unternehmen kosten, dem einstigen Juwel der Belle Époque ein neues Outfit zu verpassen.