Knapp sechs Monate lang ist Volker Rühe Verteidigungsminister, und schon sehen viele in ihm einen künftigen Kanzler. Nein, er stehe nicht auf dem Sprung, erklärt er im Gespräch mit der ZEIT. Aber auch wenn er sich (noch) nicht für höhere Aufgaben bereithält, bereitet er sich doch darauf vor.

Rühes Grundkonzept, den politischen Konsens im Lande über die Parteigrenzen hinaus zu erweitern, gäbe guten Sinn selbst dann, wenn es nur für die Verteidigungspolitik gelten sollte. „Ich bin auch der Minister des wehrpflichtigen Sohnes eines SPD-Abgeordneten.“ Aber Rühe, noch vor kurzem als CDU-Generalsekretär wegen seiner gelegentlich rempeligen Art als „Volker Rüpel“ abgestempelt, will heute den Rahmen politischer Übereinstimmung weiter spannen. Aufeinander zugehen, statt aufeinander einzuschlagen, heißt seine Devise. Rühe ist wieder das, was er einmal war: ein Mann, den sich jede Mutter als Schwiegersohn wünscht – und mancher SPD-Chef als künftigen Koalitionspartner.

Zu Recht will Rühe zur Zeit von einer großen Koalition nichts wissen. Solange „die Zahlen nicht etwas anderes verlangen“, ist nicht die Große Koalition, sondern der große Konsens sein Ziel.

Nein, er habe keine Kreide gefressen, versichert der Minister. Aber durch sein Bemühen um breite Übereinstimmung – in der Form wie in der Sache – schlägt der Verteidigungsminister gleich vier Fliegen mit einem Streich: die derzeitige Koalition wird fester zusammengebunden, weil die FDP die Alternative der Großen Koalition fürchtet; das angeschlagene Ansehen der Politiker könnte, teilweise wenigstens, repariert werden; die Erfolgschancen einer künftigen Großen Koalition, sollte sie unvermeidlich sein, werden erhöht; und schließlich gewinnt auch Rühe an politischer Statur.

In den ersten sechs Monaten als Verteidigungsminister hat Rühe bereits eine vorzügliche Figur gemacht. Mit dem Ausstieg aus dem Jäger 90 hat er politische Autorität und budgetären Spielraum, aber auch politische Feinde gewonnen. Mit der Bereitschaft, den Verteidigungshaushalt zu kürzen, hat er sichergestellt, daß nicht der Finanzminister, sondern er die Kontrolle über die Bundeswehrplanung behält. Und Rühe hat, weil er überzeugt, auch dem Ansehen der Bundeswehr genützt.

Aber die ersten Monate in einer neuen Position sind in der Regel auch die leichtesten. Von den elf Bonner Verteidigungsministern ist bisher nur einer, Helmut Schmidt, politisch unbeschädigt aus dem Amt geschieden – und das auch vielleicht nur deshalb, weil er es bald wieder verließ. Rühe kennt die Gefahren der Hardthöhe. Mit ungeduldigem Selbstbewußtsein sagt er: „Ich will in den nächsten Monaten alle offenen Fragen der Bundeswehr der Zukunft entscheiden.“

Doch Ungeduld und zu großes Selbstbewußtsein könnten sich auch als seine Achillesferse erweisen. Er höre, so ist aus dem Ministerium zu vernehmen, oft nicht zu; er glaube häufig, alles besser zu wissen und ranze Untergebene unnötig an. Mancher verdächtigt ihn schon, es ginge ihm mehr um Popularität nach draußen als um Führung in seinem Amte.