Von Jürgen Krönig

Brighton

Draußen vor der Kongreßhalle ließ ein scharfer, kalter Wind vom Kontinent die Hundertschaften der Polizei frösteln, die um das abgeriegelte Parteitagsgebäude aufgezogen waren. Drinnen, im überfüllten Saal, lief eine Debatte ab, wie sie die Konservativen schon lange nicht mehr erlebt haben. Tories mit einem Sinn für historische Parallelen beschlich das quälende Gefühl, ein fataler Abschnitt in der Geschichte ihrer Partei könne sich wiederholen.

Im 19. Jahrhundert waren die Tories auseinandergefallen und hatten dies mit dem langen Verzicht auf die Macht bezahlen müssen. Beim selbstzerstörerischen Disput über die "Korngesetze" und das Prinzip des freien Handels war es damals im Kern um die gleiche Frage gegangen, die heute die Gemüter bewegt: Wie soll Großbritannien sein Verhältnis zur übrigen Welt gestalten, protektionistisch beziehungsweise in splendid Isolation oder weltoffen, nach außen gewandt. Es ist bezeichnend für den derzeitigen Zustand der britischen Regierungspartei, daß Außenminister Douglas Hurd mit einem historischen Exkurs vor dem "Wahnsinn" einer Spaltung über Europa warnte, nachdem das Parteivolk seinem antieuropäischen Zorn ganz ungehemmt Ausdruck verliehen hatte.

Wenn es noch Zweifel gab, wie die Mehrheit der Konservativen über Maastricht und das Europäische Währungssystem denkt – sie waren spätestens am Dienstag abend verflogen. Mit steinernen Gesichtern mußten John Major und sein Kabinett erleben, wie der frühere Minister und Generalsekretär Lord Tebbit mit einer bösartigpolemischen Meisterleistung den Saal in einen Hexenkessel verwandelte. "Wollt ihr den europäischen Superstaat, wollt ihr Bürger einer europäischen Union werden, wollt ihr andere über euer Schicksal entscheiden lassen?" Jedesmal schlug ihm ein brausendes No entgegen, dessen Lautstärke die Regierungsmannschaft auf dem Podium sichtlich zusammenzucken ließ.

Der Vorgang besaß Symbolcharakter. Drunten im Saal die Basis, das Fußvolk, oben auf der Tribüne die Regierenden, die Entscheidungsträger: Wie anderswo in Europa sagen die da unten nein zu Maastricht, bestärkt durch die Gewißheit, im Einklang mit dem Volk zu sein. Die Elite aber ist entschlossen, das Abkommen zu retten, denn sie fürchtet die destabilisierenden Folgen eines Nein und den Schaden für die langfristigen Interessen ihres Landes.

Der Protest der Basis beleuchtet schlaglichtartig, wie angeschlagen der Premierminister ist, der noch am Vorabend trotzig verkündet hatte, er werde "keinen Inch vom Weg nach Maastricht abweichen". Selbst einfache Delegierte scheuten nicht davor zurück, den Premier zurechtzuweisen. Es sei eine "Beleidigung", wenn John Major die Bedenken gegen Maastricht als "Schaumschlägerei und Gebrabbel" abqualifiziere.