HILDESHEIM. – Kein Gruß, kein Blick, kein Händedruck. Drei Brüder sitzen auf der Anklagebank – doch jeder bleibt für sich allein. Anfangs hat Ludwig Jüschke, mit 26 Jahren der jüngste, noch hin und wieder versucht, Blickkontakt zu Manfred und Dietmar aufzunehmen – vergeblich. Jetzt, am sechsten Verhandlungstag vor dem Landgericht in Hildesheim, hält er den Kopf zumeist gesenkt und blickt auf die Tischkante. Sein Bruder Manfred, 27 Jahre, starrt ins Leere. Dietmar, drei Jahre älter, scheint dagegen hellwach, macht sich Notizen, flüstert mit seinen Anwälten, preßt die Lippen zusammen, grinst. Seine Brüder würdigt er keines Blickes.

Was die drei ungleichen Brüder auf die Anklagebank gebracht hat, liegt fast genau ein Jahr zurück: der Tod von zwei Polizisten. Durch einen vorgetäuschten Notruf waren die beiden Beamten aus Holzminden in der Nacht auf einen Waldparkplatz im Weserbergland gelockt und dort erschossen worden. Nachdem die Stimme des nächtlichen Anrufers als Stimme Dietmar Jüschkes identifiziert worden war, fiel der Verdacht auch gleich auf dessen Brüder.

Die Polizei fackelte nicht lange. Ein Sondereinsatzkommando aus Bielefeld stürmte das Wohnhaus der Jüschkes in Bredenborn und verhaftete nicht nur die drei Söhne, sondern auch die herzkranke Mutter.

In Haft sitzen heute nur noch die Brüder Manfred und Dietmar. Die Mutter war schon am nächsten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt und von jedem Tatverdacht freigesprochen worden. Ludwig kam nach viereinhalb Monaten frei. Während die Anklage bei seinen Brüdern auf Mord lautet, muß sich der geistig etwas zurückgebliebene Tischler wegen Beihilfe verantworten.

Ludwigs Anwalt geht auch dies zu weit. Der Hamburger Strafverteidiger Uwe Maeffert spricht von Sippenhaft. Ohne Haftbefehl habe die Polizei eine ganze Familie in Gewahrsam genommen, obwohl ein begründeter Tatverdacht nur bei Dietmar Jüschke bestanden habe. Ludwig, der zunächst nach einem zweifelhaften Verhör ein Geständnis abgelegt, dann aber widerrufen hatte, habe zur Tatzeit ganz offensichtlich im Bett gelegen. Nur durch unverantwortliche Spekulationen der Polizei sei er "in die Sache" hineingezogen worden.

Die Stimmung ist gereizt. Im Zeugenstand steht Johannes Bögehold, Kriminalbeamter aus Höxter. "Was hat Sie dazu gebracht, Ludwig auch nur eine Sekunde lang zu verdächtigen?" fragt Maeffert den Polizisten, dessen Aussagen maßgeblich zur Verhaftung der drei Brüder beigetragen haben. Bögehold berichtet von früheren Ermittlungen. Der kindlich wirkende Angeklagte schaut verschämt zur Seite. In einer Anpflanzung habe er junge Bäume umgeknickt, hieß es. Doch den Beweis blieb die Polizei schuldig.

Noch weitaus windiger ist die Vermutung, Ludwig habe seinem großen Bruder schon einmal bei einer Straftat Hilfestellung geleistet – beim Diebstahl von Eichenbänken. Einziges Indiz: Hinter dem von Dietmar gelenkten Geländewagen sei eine Limousine hergefahren, an dessen Steuer vermutlich Manfred gesessen habe – begleitet von einer Frau. Da Manfred aber nie eine Freundin gehabt habe, sei die "Frau" möglicherweise der lockenköpfige Ludwig gewesen, dem Bögehold weibliche Züge nachsagt. "Abenteuerlich", kommentiert Maeffert.