ZEIT: Herr Steinkühler, die deutsche Wirtschaft droht unter der Last der Einigungskosten zusammenzubrechen. Sind die Gewerkschaften bereit, ihre Ansprüche zurückzunehmen?

Steinkühler: Ich sehe nicht, wo die deutsche Wirtschaft durch die Wiedervereinigung besonders belastet wäre. Ganz im Gegenteil, ich sehe in Deutschland immer noch eine Sonderkonjunktur, wenn auch nicht mehr so hoch wie im vorigen Jahr. Daß die Weltkonjunktur nachläßt, ist sicherlich richtig. Daß der hohe Kurs der D-Mark die Exporte erschwert, gehört zum wirtschaftlichen Einmaleins, das außer der Bundesbank wohl alle kapieren. Dies der Wiedervereinigung anzulasten, finde ich nicht in Ordnung.

ZEIT: Tatsache ist, daß wir am Rande einer Rezession stehen, daß die Lohnstückkosten überdurchschnittlich gestiegen sind und die Staatsverschuldung immer mehr zunimmt. Deutschland hat sich übernommen.

Steinkühler: Richtig ist, daß der Staat so hoch verschuldet ist wie noch nie. Dies hat mit der Wiedervereinigung zu tun und mit falschen Einschätzungen zu Beginn – die ich niemandem vorwerfe. Voraussehbar aber war, daß hohe Transferleistungen notwendig sind. Deshalb hätte man die Solidaritätsabgabe nicht abschaffen dürfen, sondern sie in eine andere Abgabe umwandeln müssen, an der alle Bürger dieser Republik gerecht beteiligt sind. Derzeit werden die Arbeitnehmer so einseitig mit den Kosten der Wiedervereinigung belastet, daß es schon an die Grenzen des Sozialstaats geht.

ZEIT: Wäre es jetzt nicht an der Zeit, alte Ansprüche zurückzustellen?

Steinkühler: Ich weiß nicht, was Sie mit „alten Ansprüchen“ meinen. Unser Anspruch in der Lohnpolitik ist nach wie vor, daß die Arbeitnehmer an der Produktivitätssteigerung beteiligt werden und einen Ausgleich für die Preissteigerung erhalten.

ZEIT: Wollen Sie wenigstens auf Umverteilung verzichten?