Täglich schallt es den reichen Bürgern der Industrienationen entgegen: Verzichtet der Umwelt und der Dritten Welt zuliebe. Unsere Autorin hält diesen Appell für verfehlt. Um den zerstörerischen Geist des Kapitalismus zu bezwingen, fordert sie:

Von Gabriela Simon

So viel Selbstkritik gab es in den Zentren des Reichtums und der Macht lange nicht mehr. Habgierig seien wir, zynisch, genußsüchtig bis zur hemmungslosen Verschwendung, unfähig zum Teilen und zum Verzichten, wir, die Privilegierten in den Wohlstandsgesellschaften des Nordens. Der Chor der öffentlichen Meinung übt den Refrain der Selbstanklage, und wer könnte widersprechen? "Wir" verschwenden Wasser, während ganze Erdregionen austrocknen, wir füllen unsere Straßen mit Staus und die Luft mit CO2‚ während in anderen Teilen der Welt die Angst umgeht, bald im Meer zu versinken. Seit die ökologische Wende, der vielbeschworene Global Change, so offensichtlich klemmt, seit die Politiker ihre Handlungsunfähigkeit auf internationalen Konferenzen dokumentieren, während Treibhauseffekt und Ozonloch auf neue Rekorde zusteuern, haben moralische Selbstvorwürfe und Appelle zur Umkehr Konjunktur. Kein Zweifel: Jeder und jede von uns ist durch eine Vielzahl kleiner Eitelkeiten und Bequemlichkeiten tagtäglich an der nahenden ökologischen Katastrophe beteiligt.

Liegt es da nicht nahe, die globale Krise als Dimension des Menschlichen, des Allzumenschlichen, zu interpretieren? Sind es nicht tatsächlich unsere (un)menschlichen Qualitäten, unsere Unersättlichkeit, Selbstsucht, unser Hang zum Konsum, der "Hedonismus der Masse" (Klaus Töpfer), die fehlende Bereitschaft zum Verzicht, die eine Lösung der globalen Probleme zu vereiteln drohen?

Ganz in diesem Sinne konfrontiert uns der Club of Rome im Vorwort seines letzten Berichts mit der scharfsinnigen Diagnose "Der Mensch ist der Verursacher der Weltproblematik", um dann im Schlußkapitel gnadenlos mit der menschlichen Natur, mit "Habgier und Selbstsucht" des modernen Menschen ins Gericht zu gehen. "Unser genetisches Erbe verfolgt uns. Die negativen Aspekte unserer Natur, die wir sogar uns selbst nur höchst ungern eingestehen – wie Gier, Eitelkeit, Wut, Angst und Haß – sind Manifestationen der Brutalität unseres Egoismus." Der Mensch ist schlecht. Und nun? Irgendwie, da sind sich die meisten Experten und Kommentatoren einig, muß der Mensch ein anderer werden, ein "neues Bewußtsein" muß her, ein "grundlegender Wandel unseres Verhaltens", eine "Kultur des Verzichts", eine "asketische Weltkultur" und so weiter.

Diffuse Drohungen hängen im Raum. "Die Geburt des Neuen kann nicht ... ohne Schmerzen stattfinden", orakelt der Club of Rome, weshalb auch die Demokratie "in ihrer heute praktizierten Form" für die zu lösenden Aufgaben "nicht mehr besonders gut geeignet" sei. Eine sehr diplomatische Formulierung für das, was andernorts unter dem Schlagwort von der "Öko-Diktatur" durch die Debatten geistert. Steht also wieder einmal ein Versuch bevor, einen "neuen", einen "besseren" Menschen zu erzwingen – diesmal unter ökologischen Vorzeichen und mit dem Signum "Zur Rettung des Planeten"?

Bevor das neue Zeitalter dergestalt über uns kommt, bleibt noch etwas Zeit, über einige Prämissen des politischen Prozesses nachzudenken. Wie verhält es sich eigentlich mit unserer "Habgier", unserer "Selbstsucht", mit unserem Zynismus und der Unfähigkeit zum Teilen? Man kann diese Frage auch weniger moralisierend formulieren. Aufmerksame Besucher aus dem Süden tun dies manchmal. Sie fragen: Warum fühlen sich die Reichen so arm? Sie wundern sich nicht über Egoismus und Habgier, denn die gibt es tatsächlich überall. Was bei Besuchern aus den "armen" Teilen der Welt oft eine gewisse Fassungslosigkeit oder ungläubiges Staunen auslöst, ist die subjektive Armut der Reichen, die Kluft zwischen einem wachsenden materiellen Wohlstand und einem subjektiven Lebensgefühl, das durch Ängste geprägt ist, durch Gefühle von Belastung und Überforderung.