Von Vera Gaserow

Die alte Frau Manke findet Hochhäuser schön. Und Frau Klinke vom dritten Stock, die schon mal in New York gewesen ist, sagt entschieden "Jawoll", dort in den Wolkenkratzer-Schneisen zu leben, könne sie sich gut vorstellen. Kein Zweifel: Das Kaffeekränzchen hinter der dichten Knöterichhecke ist auf Widerspruch gebürstet. Schon wieder jemand von der Zeitung vor dem verrosteten Gartentor! Erst neulich hat so ein Reporter im Haus gestanden und lamentiert. Na, dem hat Brigitte Manke aber Bescheid gestoßen: daß Daimler-Benz ein soziales Unternehmen sei und jeder sich die Finger lecken könne nach so einem Hauseigentümer. Sie jedenfalls kann kaum erwarten, daß es hier endlich mal "losgeht". Auch die weißhaarige Frau Marx aus dem fünften Stock will sich der Zukunft nicht in den Weg stellen: "Dann kommt doch endlich mal Leben hierher. Hier ist doch weit und breit nichts. Für jeden Einkauf müssen wir mit dem Bus fahren. Da können Sie sich vorstellen, was hundert Gramm Gehacktes kosten. Und wenn das losgeht, kriegen wir vielleicht endlich einen Bäcker hierher." Nur mit der Idylle hinter dem Gartenzaun werde es dann wohl vorbei sein, meint Frau Manke und schuckelt mit dem Gartenstuhl. "Wir sitzen ja auf teurem Boden. Ich tret’ schon immer ganz vorsichtig auf."

Der Rasenflecken, auf dem die drei alten Damen in der Nachmittagssonne ihren Kaffee trinken, gehört zu den begehrtesten in Berlin; die verwilderte Idylle mit den schattenspendenden Bäumen und dem wilden Wein wird schon im nächsten Jahr eine der größten Baustellen Europas werden: der Potsdamer Platz, kahlgebombte, ewig sandige Ödnis, seit dem Mauerfall jedoch zum "signifikanten Kulminationspunkt in der Mitte Berlins" erhoben, zum "zentralen Ort der künftigen Metropole ..."

Wie eine Gratisprobe

Der Potsdamer Platz ist seit fast fünfzig Jahren ein unbewohnter Ort – mit einer Ausnahme. Ein einziges Haus hat den Bombenhagel des Krieges und den Abrißwahn der Nachkriegszeit überlebt: das alte "Weinhaus Huth", 1912 als Restaurant und Lager der Weingroßhandlung Huth erbaut. Heute steht das imposante Gebäude mit seinen sechs Geschossen und dem runden Türmchen im Eck wie ein achtlos fallengelassenes und vergessenes Bauklötzchen in der Leere des Potsdamer Platzes.

Seit den fünfziger Jahren dient das Weinhaus, einst eine der bekanntesten gastronomischen Adressen Berlins, als Wohnhaus. Wie auf einer Insel leben hier 28 Mietparteien. Margarete Marx zum Beispiel seit 34 Jahren. Zusammen mit den anderen Mietern hat sie sich das stillgelegte Stück Straßenland neben dem Haus genommen und als Gartenoase urbar gemacht. "Das", so meint sie, "ist meine Heimat." Die alte Dame wird sie im nächsten Jahr nicht mehr wiedererkennen. Um sie herum wird kaum ein Krumen Erde bleiben, wo er jetzt liegt. Das Unterste wird zuoberst gekehrt werden, und das Oberste wird so hoch sein, daß das "Weinhaus Huth" verschwindet.

Auf rund 67 000 Quadratmetern wird Daimler-Benz hier sein Dienstleistungszentrum errichten, ein gigantisches Projekt mit Bürohochhäusern und Geschäftspassagen, Luxushotels und Musicaltheater, unterirdischen Gängen und rund 750 Wohnungen. Als der Autokonzern das Areal 1990 zu einem Spottpreis vom Berliner Senat erstand, war das "Weinhaus Huth" inklusive. Obwohl gerade erst für drei Millionen Mark instand gesetzt, wurde es dem Käufer mitgegeben wie eine Gratisprobe in der Parfümerie. Das denkmalgeschützte Haus muß erhalten bleiben, in den Modellen der Architekten findet man es eingezwängt zwischen Hochhäusern und Geschäftszentren.