Bitte, können Sie mir helfen, den Geldautomaten zu bedienen; ich bin sehbehindert", sagt die Frau am Schalter einer Bank. Ihre Bitte weckt Mißtrauen, ruft Verwunderung hervor. Bei Blinden ist die Beeinträchtigung augenfällig und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen ihnen gegenüber spontan. Wenn beide Seiten die Hemmungen aufgrund des fehlenden Blickkontakts durch Anreden aufheben, ist der Umgang miteinander problemlos. Doch Sehbehinderte müssen immer wieder ihr Handicap – oft bis ins Einzelne – darlegen, wenn sie die benötigten Hilfen bekommen wollen. Nicht selten ernten sie dabei Unverständnis und Kopfschütteln. "Warum tragen Sie keine Brille?" lautet die Standardfrage an sie. Sie leiden an fortschreitender Netzhautzerstörung (Retinitis pigmentosa), und ihre Zahl wächst: durch Krankheit, Umweltschäden und die Tatsache, daß mehr Menschen ein hohes Alter erreichen. Sie haben große Schwierigkeiten mit der winzigen Schrift auf den Beipackzetteln von Medikamenten, Gebrauchsanweisungen für Elektro- und Haushaltsgeräte, Fahrkarten-, Geld- und Getränkeautomaten, mit nichtmarkierten Stufen und Bahnsteigkanten. In Supermärkten und Warenhäusern müssen sie buchstäblich ihre Nase in die Regale stecken, um die Schilder zu entziffern.

Als eine Frau im Frankfurter Hauptbahnhof nach mehrfachem Drehen ihrer Lupe die Bahnsteignummer nicht erkennen konnte und dann einen Obsthändler fragte, wurde sie von ihm wüst beschimpft: Sie solle sich davonmachen und ihm nicht mit solch billigen Tricks kommen.

Markierungen mit Kontrastfarbe und fühlbaren Rillen, Großschrift auf Anzeigetafeln, helle Beleuchtung auf Gehwegen, Lautsprecheransagen an Bus- und Bahnstationen und deutlich gekennzeichnete Bedienungsknöpfe an Automaten kosten nach Ermittlungen der Selbsthilfeorganisationen der Behinderten nicht viel. Sie würden aber Millionen sehgeschädigter Menschen das Leben spürbar erleichtern. Keyvan Dahesch