Von Matthias Naß

Jetzt sind es nur noch sechs. Zwei der "acht Unsterblichen", die China in den vergangenen Jahren aus dem Lehnstuhl und aus dem Rollstuhl regiert haben, sind vor kurzem gestorben: der ehemalige Staatspräsident Li Xiannian (83) und Deng Yingchao (88), Witwe des einstigen Premiers Tschou En-lai und selbst einige Jahre Politbüromitglied. Es starben auch noch andere Gerontokraten: Nie Rongzhen (92), letzter von zehn Marschällen der Volksbefreiungsarmee, und der orthodoxe Ideologe Hu Qiaomu (81). Die Veteranen der Revolution treten nacheinander "vor Marx", wie Chinas Kommunisten gern sagen.

Die "alten Genossen" waren es, die im Juni 1989 das mörderische Exempel an den friedlich demonstrierenden Studenten befahlen. Deng Xiaoping, einer der Ihren, hat sie nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens dafür öffentlich belobigt.

Nun schickt sich der 88 Jahre alte Deng zum dritten Mal an, sein Haus zu bestellen. Zweimal stürzten seine Erbwalter an der Spitze der Partei – Hu Yaobang 1987 und Zhao Ziyang 1989 –‚ weil sie nicht nur aus Sicht der konservativen Deng-Widersacher, sondern auch nach dem Urteil des Patriarchen selbst die Trennlinie zwischen wirtschaftlicher Reform und politischer Erneuerung aus dem Auge verloren hatten.

Beim 14. Parteitag, der am kommenden Montag in Peking beginnt, sollen "viele energische, herausragende Kader jüngeren und mittleren Alters" in das neue Zentralkomitee aufrücken. So hat es die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua angekündigt. Nicht nur deshalb dürfte dieser erste Kongreß nach dem Umbruch in Osteuropa und dem Ende der Sowjetunion zu einem der wichtigsten in der Geschichte der chinesischen Kommunisten werden. Es geht um mehr: Die Partei muß ihren Machtanspruch vor dem eigenen Volk neu begründen.

Sie versucht dies mit dem Konzept einer "sozialistischen Marktwirtschaft" – eine Formel, die zusammenfaßt, was nicht zusammenpaßt, und die letztlich nur verbergen soll, daß China mit dem klammheimlichen Segen der Wirtschaftsreformer längst den langen Marsch in den Kapitalismus angetreten hat. Denn, so hat es der Wirtschaftsexperte Wu Jinglian formuliert: "Für ein ökonomisches System ist die Erhaltung einer Koexistenz von staatlicher Planwirtschaft und Marktwirtschaft eine Illusion, die wie eine Seifenblase zerplatzen wird."

Monatelang haben die Modernisierer um Deng Xiaoping und die Bremser um den Planwirtschaftler Chen Yun über den künftigen Kurs gestritten, den der nominelle Parteichef Jiang Zemin in seinem Politischen Bericht vor den Parteitagsdelegierten verkünden wird. "Wir müssen vor rechten Tendenzen auf der Hut sein", warnte Chen Yun im April auf einem Treffen der einflußreichsten Parteiführer. Das Problem seien die "Linken", schoß Deng zurück: "Sie sind vom Dogmatismus und der Buchgläubigkeit des Marxismus, des Leninismus und der Mao-Tse-tung-Ideen gefesselt."