Von Carl D. Goerdeler

Statt einer Schärpe trägt der Präsident eine Rolle Toilettenpapier über dem Frack – so zeichnete das Jornal do Brasil den im Sumpf der Korruption versinkenden Fernando Collor de Mello. Am Dienstag vergangener Woche brach das brasilianische Parlament den Stab über ihn. Collor mußte in Schimpf und Schande gehen. Zum ersten Mal in der Geschichte Lateinamerikas wurde ein Staatsoberhaupt durch ein demokratisches und rechtsstaatliches Verfahren aus dem Amt gejagt.

Collors Amtsenthebung ist außergewöhnlich und widerspricht allen Regeln Lateinamerikas. In elf Ländern des Subkontinents treiben derzeit Bestechungsaffären, Wahlfälschungen und Betrugsmanöver von Politikern die Bürger auf die Barrikaden. Die Liste umfaßt neben Brasilien Argentinien, Paraguay, Bolivien, Peru, Kolumbien, Venezuela, Panama, Nicaragua, Guatemala und die Dominikanische Republik.

So wie die Eskimos zehn verschiedene Begriffe für Schnee kennen, gibt es in der brasilianischen Umgangssprache mindestens ebenso viele Begriffe dafür, wie man Widerstände und Vorschriften mit einem jeitinho, einem Trick, umgehen kann. Mit crema de mano oder lubricante überwindet man in Mexiko amtliche Hindernisse, notfalls auch mit einem kräftigen „Biß“. Kleine „Geschenke“ und „Belohnungen“ für Beamte erleichtern auch in Argentinien das Leben. Es gebe keinen General, der einem Kanonenschuß von fünfzigtausend Pesos widerstände, soll der mexikanische Präsident Alvaro Obregón (1880-1928) gesagt haben.

Paternalismus, Vetternwirtschaft und Pfründenwesen sind die Merkmale der „traditionellen Herrschaft“, wie sie der deutsche Soziologe Max Weber bezeichnet hat; Ämterkauf und Protektion gehören dazu. Fernando Collor ersetzte die Unterschriftsmappe seines Vorgängers mit einem Computer, aber nicht den Regierungsstil von persönlichen Beziehungen. Wer sich durch sein Amt bereichert, aber dabei etwas für das Gemeinwohl leistet, der findet beim brasilianischen Volk durchaus auch heute noch Zustimmung; schließlich verfährt der kleine Mann tagtäglich nach derselben Devise. Fernando Collor de Mello wäre wohl nicht gestürzt, hätte er bei seinem Versuch Fortune gehabt, Brasiliens Wirtschaftskrise zu meistern. Da dies aber nicht der Fall war, wurde ihm seine Praxis, Millionen über Mittelsmänner aus dem Staatssäckel in die eigene Tasche zu lenken, zum Verhängnis.

Korruption ist nach gängiger Definition der heimliche Mißbrauch von Macht zwecks Erlangung eines persönlichen Vorteils. Amtsmißbrauch und Bereicherung werden in vielen Präsidialsystemen den Staatsoberhäuptern leichtgemacht. Die Heimlichkeit ebenso, wenn, wie in Brasilien, das Parlament seine wichtigste Aufgabe, die Kontrolle, versäumt. Den brasilianischen Kongreß trifft also eine Mitschuld an dem Skandal, der das Land monatelang erschütterte.

Korruption entstehe aus Langeweile, meinte der italienische Philosoph Niccolö Machiavelli. Wo ein offener Markt herrscht, also lebhafte Konkurrenz und niedrige Marktzutrittschancen, kann sich keine Korruption entfalten, sagt die Wirtschaftstheorie. In einem Schwellenland wie Brasilien treffen jedoch verschiedene Faktoren aufeinander, die Korruption begünstigen: eine fast unkontrollierte Zentralgewalt, schwache politische Institutionen und eine uralte Goldgräbermentalität.