Von Michael Schwelien

Armer Dan. Er hatte sich so bemüht. Und nun dieses. Sechzig Millionen Zuschauer lachten über die Pointen in der Fernsehkomödie „Murphy Brown“. Und über ihn, Dan Quayle, den Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Zora Brown lachte herzlich und oft. Ihr Bruder Kenneth prustete drauflos. Sogar Marilyn Quayle, Dans Gattin, kicherte laut und vernehmlich. Nur der Vizepräsident selbst vermochte nicht mehr, als sich gelegentlich ein saures Lächeln auf die geschlossenen Lippen zu quälen. Rund 25 Millionen Geräte waren an diesem Tag auf CBS geschaltet, weit mehr als bei jeder Parteitagssendung.

Seit Monaten ist die Fernsehserie über eine alleinstehende, emanzipierte Mutter, Murphy Brown, Wahlkampfthema. Nun hatten Quayles Berater die schwarze, alleinerziehende Mutter, Zora Brown, eine aktive Republikanerin, zum konservativen Gegenentwurf der Karrieremama aus dem Fernsehen auserkoren. In ihrem Wohnzimmer sollte sich der Vizepräsident zusammen mit weiteren alleinstehenden Müttern die erste Folge der „Murphy Brown“-Serie nach der Sommerpause ansehen – eine bis dato unbekannte Form des Wahlkampfes. Am Ende der Sendung gab Quayle seine Fernsehkritik zum besten: „Offensichtlich hat Hollywood einfach nichts Verstanden.“

Nicht verstanden fühlte er sich in seiner Rede, in der er für die Krawalle in Los Angeles nicht die Armut an sich, sondern die „Armut an Werten“ ausgemacht hatte, mit der dieses bizarre Kapitel der Fernsehgeschichte begann. Einundfünfzig Worte seiner konservativen Kulturkritik blieben beim Publikum hängen: „Es ist wenig hilfreich, wenn das Fernsehen zur Hauptsendezeit Murphy Brown bringt – eine Figur, die angeblich die heutige intelligente, hochbezahlte Karrierefrau darstellt – und diese Murphy Brown sich über die Bedeutung von Vätern mokiert, indem sie ein Kind allein aufzieht und das Ganze nur als eine Entscheidung für einen bestimmten Lebensstil abtut.“

Quayle hatte nicht nur den Randalierern eingebleut, daß sie Häuser anzündeten, weil ihr Wertesystem bedenkliche Mängel aufweist. Er hatte auch Candice Bergen, der Schauspielerin, die Murphy Brown verkörpert, vorgeworfen, daß sie für die Probleme Amerikas verantwortlich sei. Er hatte es ihren Drehbuchautoren gezeigt und ihrem Publikum gleich mit. Und ebenso der großen Mehrheit jener 10,8 Millionen Amerikanerinnen, die im wirklichen Leben – sei es, wie Murphy Brown, aus freien Stücken, sei es in Folge zerrütteter oder geschiedener Ehen – allein für ihre Kinder sorgen.

Der Angriff erwies sich als schwerer Fehler, Schwerer noch als jener, da Dan Quayle bei einem Schülerbuchstabierwettbewerb meinte, den zwölfjährigen William Figueroa korrigieren zu müssen. Potato (Kartoffel) hatte der aufgeweckte Junge richtig an die Tafel seines Klassenzimmers geschrieben, als der Vizepräsident ihn ermunterte: „Jetzt füge noch eine Kleinigkeit hinten dran.“ Der Junge zögerte. Quayle nickte. Dann stand da das fatale potatoe und ging von der Luis-Muñoz-Rivera-Grundschule in New Jersey über die Bildschirme Amerikas.