Von Horst Bieber

Zwei Tage nach der Wahl meldete sich der absehbare Verlierer mit der erwarteten Drohung: Die bisher in Angola regierende sozialistische Einheitspartei MPLA wolle "die Macht illegal, mit allen Mitteln, an sich reißen", klagte Jonas Savimbi, Präsident der prowestlichen Oppositionspartei Unita, am vorigen Samstag. Sie stehle Wahlurnen, schüchtere Zähler ein und verbreite systematisch falsche Zwischenergebnisse. Die Unita müsse sich deshalb überlegen, ob sie derart verzerrte Wahlergebnisse anerkennen könne, ob sie nicht vielmehr gezwungen sei, sich Gerechtigkeit auf anderem Wege zu verschaffen. Oder im Klartext: den Kampf wiederaufzunehmen, der erst im Mai vergangenen Jahres nach sechzehn Jahren beendet worden war.

Zu diesem Zeitpunkt lag die MPLA bei den Wahlen – den ersten seit der Unabhängigkeit Angolas – für die 220 Sitze des Parlaments klar in Führung. Auch bei der Präsidentschaftswahl lag MPLA-Chef José Eduardo dos Santos mit deutlichem Vorsprung vor Jonas Savimbi. Internationale Beobachter sprechen von einem ungewöhnlich fairen und korrekten Urnengang, der Savimbis Vorwürfe nicht rechtfertige. Gleichwohl einigten sich MPLA und Unita darauf, die angeblichen Zwischenfälle von einer Kommission untersuchen zu lassen: Die Bereitschaft des Verlierers, seine Niederlage zu akzeptieren, ist für die Zukunft des Landes zu wichtig.

Vor zwölf Monaten sah noch alles anders aus. Savimbi war sich seines Sieges über die bis vor zwei Jahren marxistisch-leninistisch orientierte MPLA so sicher, daß er eine Drei-Jahres-Übergangsfrist verwarf. Im Vertrauen auf sein Volk der Ovimbundus, das ein Drittel der Wahlberechtigten stellt, glaubte er an eine absolute Mehrheit für seine Person und seine Partei. In der Tat zeichnet sich seit Wochenbeginn ab, daß die Unita in den ländlichen Bezirken des Südens, die erst verspätet ausgezählt wurden, sehr viel besser abschneidet als im Norden und in den größeren Städten. Denkbar ist sogar, daß weder MPLA-Präsident dos Santos noch er die absolute Mehrheit für das Präsidentenamt erreichen, sie sich also einer Stichwahl stellen müssen. Doch der Erdrutsch zugunsten der prowestlichen Opposition ist ausgeblieben. Die Angolaner haben die Kurskorrektur des amtierenden Präsidenten honoriert, erst recht, seit Vertreter beider Parteien eine große Koalition in Luanda ins Gespräch gebracht haben.

Für einen friedlichen Neubeginn wäre sie in dem völlig zerstörten Land eine erfolgversprechende Alternative. Angola verdient durch den Erdölexport genug, um einen Neuaufbau zu versuchen. Die Landwirtschaft muß in Gang gebracht werden, beide Seiten haben Kriegsopfer zu versorgen und die Hinterlassenschaft der Kämpfe – zerstörte Straßen, Bahnen und Brücken, vor allem aber Minen – zu beseitigen. Es gibt also keine Beute zu verteilen, sondern es gilt, den Mangel zu verwalten. Vor allem aber kommt es darauf an, die Desperado-Mentalität zu überwinden, die immer noch mehr auf die Waffe als auf die Hacke vertraut. Und entwaffnet sind die Streitkräfte beider Seiten noch lange nicht.

Diesen Gedanken hat Präsident dos Santos den kriegsmüden Angolanern besser vermittelt als der Buschkrieger Savimbi, der sich von der Politik des Alles oder Nichts nur schwer trennen kann. Die Sozialisten in Luanda haben halbherzig mit einer Wirtschaftsreform, einer begrenzten Privatisierung und Liberalisierung begonnen. Sie wissen, daß sie weder von Kuba Waffen noch von Moskau Geld zu erwarten haben; sie setzen darauf, daß Südafrika und die Vereinigten Staaten ihren früheren Schützling Savimbi künftig nicht mehr unterstützen werden. Die Zeit der Stellvertreter-Konflikte ist endgültig vorbei. Die Umstände erzwingen einen Kompromiß, eine große Koalition wäre die Anerkennung der Fakten. Savimbi kann zweifellos wieder kämpfen, aber nicht mehr siegen.

In Mosambik, der zweiten portugiesischen Kolonie, die nach 1975 in einem Bürgerkrieg versank, zogen sich die Kämpfe ein Jahr länger hin. Am vergangenen Sonntag wurde in Rom ein Friedensvertrag zwischen der Regierung in Maputo und der Nationalen Widerstandsbewegung Renamo unterzeichnet. Im kommenden Jahr sollen Wahlen stattfinden; bis dahin müssen auch die Streitkräfte teils entwaffnet, teils in das Militär überführt werden. Ob die Waffenruhe aber rechtzeitig genug beginnt, um eine Hungerkatastrophe zu verhindern, ist ungewiß. Das Land hat noch stärker unter dem Krieg gelitten als Angola: Terror und Vertreibung haben eine Landwirtschaft ruiniert, die ohnehin von einer schweren Dürre geschlagen war.