Schlechte Ware muß man gut verkaufen. So luden denn der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) und der Sender Freies Berlin (SFB) zur Pressekonferenz über ihr neues, gemeinsames Drittes Programm in den Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz. Drittes Programm – das war einmal der Gattungsbegriff für ein intellektuell anspruchsvolles Minderheitenprogramm von Rundfunk und Fernsehen. Was ist daraus geworden! Am 1. Oktober schied der SFB aus dem bisher gemeinsamen N-3-Programm mit NDR und Radio Bremen aus. Die Hinterbliebenen antworten mit einer Neugestaltung des N-3-Programms, die nicht zuletzt in einer Verdoppelung der Termine für die abgestandene „NDR-Talkshow“ besteht. Finanzieren will man sich verstärkt mit Hilfe von Sponsoren. Dabei dürfen, wie der Programmdirektor des NDR, Jürgen Kellermeier, bestätigte, journalistische Ekelschwellen durchaus unterschritten werden. Auch nach dem verdienten Tod des Schmuddel-Produkts super will der NDR mit der hinterbliebenen „super-tv“ für sein Drittes Programm weiter zusammenarbeiten.

Der SFB macht seither sein eigenes „Metropolenprogramm“ S 2, während der Woche allabendlich nach den Nachrichten mit der Game-Show „Tip Top“, die (schon wegen ihres sauberen Titels) die besondere Gunst des Intendanten Günter von Lojewski genießt. Von 10 Uhr morgens bis 18.30 Uhr aber macht der SFB gemeinsame Sache mit dem MDR – oder vielmehr der (Programmanteil sechzig Prozent) mit ihm (vierzig Prozent). Da erklingen dann wahrlich gediegene Programme: „Musikantenschänke“, „Das Deutsche Schlagermagazin“ oder „Achims Hitparade“, in der die Zuschauer „ihren Musikantenkönig“ wählen dürfen. Lebenshilfe bietet „Kripo live“. Die Portraitreihe „Mit-Menschen“ will „Einblicke ins authentische Leben“ eröffnen ...

Für Anspruchsvolle gibt es „Zwischentöne – Künstler über Künstler“. Wie? So: „Im intimen Gespräch offenbaren sich Vorzüge und Schwächen. In Schnurren und Anekdoten aus dem Künstleralltag entsteht ein farbiges und facettenreiches Bild der Persönlichkeit.“ Und „Extrem“, das Wissenschaftsmagazin, hat noch anspruchsvollere Absichten: .„Extrem‘ beginnt dort, wo andere Sendungen aufhören, und endet da, wo manche Magazine erst beginnen.“

Dazu kommen noch „breitangelegte Bildungsangebote“ unter dem Titel „Fernsehlexikon“. Es soll „Wissensdurstigen“ dienen zur Antwort auf Fragen der Art: „Warum schillern Seifenblasen so schön bunt?“ Fest versprochen: „Wo es sich anbietet, wird zum Hauptgang ein Nachschlag serviert in Form von Serviceangeboten, Nachbetrachtungen und unterhaltsamen Spots.“

Das alles stammt aus der MDR-Küche des Intendanten Udo Reiter – und Berlin muß sowas als „Metropolenfernsehen“ schlucken. Der Intendant des SFB, Günter von Lojewski, schluckt willig. Er gedachte auf einer vorhergehenden Pressekonferenz in Leipzig der „gemeinsamen Münchner Zeiten“, die ihn beim Bayerischen Rundfunk mit dem 1991 in den Osten entsandten Reiter verbinden, der das ganz besondere Vertrauen des Bundeskanzlers besitzt: „Wir wollen modellhaft deutlich machen, daß die Dritten Programme wieder dem Zweck dienen, zu dem sie einmal gemacht wurden, nämlich insbesondere Bildung, Wissen, Information zu vermitteln.“ Und ist sicher: „Ich glaube, Herr Reiter, wir sind uns auch einig, daß wir diese Elemente gemeinsam in die ARD hineintragen müssen.“

Kandidaten für den Anschluß wurden schon genannt: der Hessische Rundfunk, dessen Intendant Hartwig Keim sich sehr geneigt zeige; der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) ist zwar am täglich einstündigen Kinderprogramm beteiligt, zierte sich in Leipzig aber noch vor weitergehender Kooperation. Ob nicht die Gefahr bestehe, daß der ORB doch noch auf Gedeih und Verderb umarmt werde und so auf der Strecke bleibe. Reiter: „Nun ist Umarmung ja die schönste Art, auf der Strecke zu bleiben ...“

Und richtig, in Berlin waren die Brandenburger schon unter das Kreuz der beiden Bayern gekrochen. ORB-Fernsehdirektor Michael Albrecht, einziger Ossi unter den journalistischen Führungsfiguren der ARD im Anschlußgebiet, verkündete auf dem Fernsehturm, man habe in Reiters Leipziger Einerlei doch noch Dinge gefunden, die „aus unserer Sicht programmlich Sinn machen“.