Von Wilfried Kratz

Der 16. September 1992 wird den Briten als „Schwarzer Mittwoch“ in Erinnerung bleiben. Drei Wochen nachdem Großbritannien das Europäische Währungssystem (EWS) verließ, sind die Erschütterungen des Bebens noch immer überall zu spüren – nicht zuletzt auf dem Parteitag der Konservativen in Brighton. Statt den Wahlsieger Premierminister John Major zu feiern, mußte das entsetzte Parteivolk die Trümmer der britischen Geldpolitik betrachten.

Noch im April waren die Tories mit der Behauptung in den Wahlkampf gegangen, die Mitgliedschaft im Währungsverbund sei ein Kernstück ihrer antiinflationären Politik. Nun hat London sie aufgegeben und das Tau zum Stabilitätsanker EWS gekappt. Plötzlich entdeckt die Regierung nicht mehr nur Schwächen bei der Zusammenarbeit im Währungssystem und Unausgewogenheit bei der Intervention zugunsten schwacher Mitgliedswährungen, sondern ein „grundlegendes Ungleichgewicht“. Die Hochzinspolitik der Bundesbank, eine Folge der deutschen Wiedervereinigung, hindere ein Land wie Großbritannien daran, der Konjunktur auf die Beine zu helfen. Deshalb, so Premier John Major, „werden wir auf absehbare Zeit nicht in den Wechselkursmechanismus zurückkehren“.

Mit dem Pfund stürzte die Popularität von John Major. Nachdem der Eckpfeiler der Wirtschafts- und Europapolitik zusammengebrochen ist, weiß niemand, was die Regierung aus den Trümmern retten will. Kein Wunder, daß die nervösen Finanzmärkte das Pfund in den Keller schickten. Am Montag erreichte es einen neuen Tiefstand von 2,37 Mark – eine Abwertung um neunzehn Prozent gegenüber dem alten Mittelkurs.

Der Verfall des Pfundes macht das Leben für Importeure von Waren aus Deutschland und anderen Hartwährungsländern schwerer. Es ist aber zu befürchten, daß die britischen Hersteller den ihnen unerwartet zufallenden Wettbewerbsvorteil in Form höherer Preise und Gewinne nutzen werden, statt die verlorenen Heimatmärkte zurückzuerobern. In der Times klagte ein Kommentator, daß das Land die Chancen gar nicht mehr nutzen könne, weil es viele Produkte aus heimischer Fertigung längst nicht mehr gebe. „Bald werden wir nichts mehr herstellen außer Entschuldigungen.“

„Britanniens wirtschaftspolitisches Establishment ist ebenso wie seine Wirtschaft gelähmt“, schreibt die Financial Times und fordert neue Richtlinien für die Politik und Unabhängigkeit für die Bank von England. „Je länger die Lähmung anhält, desto größer wird der Schaden, den das Debakel der vergangenen Wochen anrichtet.“

Vor genau zwei Jahren setzte Major, damals Finanzminister, den vollen Beitritt zum Währungssystem durch. Die widerstrebende, aber politisch geschwächte Margaret Thatcher, die das Währungssystem für ein Instrument deutscher Dominanz hielt, mußte sich geschlagen geben. Ihre alte Bedingung, erst müsse die britische Inflationsrate (im Oktober 1990 fast elf Prozent) den europäischen Durchschnitt erreichen, damit London „aus einer Position der Stärke“ beitreten könne, wurde fallengelassen. Da Großbritannien nicht die Kraft aufbrachte, in eigener Verantwortung eine antiinflationäre Politik durchzuhalten, wollte man sich der Disziplin des Systems (und damit der Politik der Bundesbank) unterwerfen.