Als die neuen Topmanager aus der Privatwirtschaft Anfang 1990 auf die Vorstandsetagen der dreigeteilten Bundespost einzogen, hatte sich Klaus Zumwinkel mit dem Postdienst wohl den unattraktivsten Posten ausgesucht. Der ehemalige Unternehmensberater und Quelle-Chef übernahm einen Staatsbetrieb, der nicht nur unter dem Image einer verstaubten Bürokratie litt, sondern die Öffentlichkeit auch noch regelmäßig mit riesigen Verlusten schockt. Auch für das vergangene Geschäftsjahr mußte die profitable Telekom noch gut zwei Milliarden Mark überweisen, um den Verlust des Schwesterunternehmens auszugleichen.

Macht Zumwinkel so weiter wie bisher, wird er wohl in den Schlagzeilen bleiben – allerdings dann als derjenige, dem es erstmals gelang, den scheinbar hoffnungslosen Fall zu lösen. Anders als sein Vorstandskollege Heinz Dürr von der Bahn, die in einem ähnlichen Dilemma steckt, setzt Zumwinkel nicht auf Wunder, die von einer Privatisierung ausgehen sollen. Der Postchef nutzt seinen Spielraum, modernisiert, baut um – und rüttelt an Tabus.

Zu Beginn der Woche wurde ein neuer Schachzug des Strategen bekannt: Vorausgesetzt, Aufsichtsrat und Postminister Christian Schwarz-Schilling stimmen dem Plan zu, will Zumwinkel die Gebührenstruktur radikal verändern. Die Reform entwirrt das unübersichtliche Tarifgeflecht mit seinen 150 unterschiedlichen Briefarten. Vom 1. April kommenden Jahres an soll es nur noch vier Basisarten geben. Die Postkarte wird zwanzig Pfennig mehr kosten, der Standardbrief bleibt mit einer Mark unverändert.

Die Korrektur ist notwendig – und mutig. Hierzulande gelten Postgebühren noch immer als Politikum. Zu alten Zeiten drohte schon so mancher Postminister über diesen Stolperstein zu stürzen. Die Sozialdemokraten strapazieren mit ihrer schnellen Kritik denn auch nur alte politische Rituale.

Eine Bürgerpost ist das Unternehmen schon lange nicht mehr. Den größten Teil des Umsatzes bestreitet der Postdienst mit geschäftlichen Briefen und Paketen. Die zusätzlichen Einnahmen, auf die Zumwinkel aufgrund der neuen Preisstruktur hofft, werden deshalb auch weniger die Kassen privater Haushalte berühren, sondern wohl eher den Protest von Vertretern aus derWirtschaft provozieren.

Leicht ist der Vorwurf formuliert, daß ein Monopolist seine Kunden wieder einmal schröpft. Doch das kann sich die Post längst nicht mehr leisten. Schließlich wartet die Konkurrenz nur auf vergrätzte Überläufer. Das Geschäft der Privaten ist zwar derzeit noch auf bestimmte Dienstleistungen begrenzt. Doch diese Schranken werden demnächst nach und nach fallen: In der Europäischen Gemeinschaft sind die Signale ganz auf Wettbewerb gestellt.

Zumwinkel muß damit rechnen, daß die Rivalen sich künftig verstärkt auf die lukrativen Teile des Geschäfts mit Großkunden und in den Ballungsgebieten konzentrieren werden. Der Postchef wird aber weiterhin für alle Bürger einen flächendeckenden und deshalb kostenträchtigen Service anbieten müssen, wenn er seinen öffentlichen Auftrag ernst nimmt. Und den soll er schließlich erfüllen, ohne noch auf Jahre hinaus am Tropf der Telekom zu hängen. Die jährliche Transfusion gilt gemeinhin als Ärgernis. Um das abzustellen, muß der Staatsbetrieb sein eigenes Geschäft rentabel gestalten. Sonst wird der Postdienst für die Telekom-Kunden oder die Steuerzahler zum Faß ohne Boden.