Von Christian Gampert

Die Ausstattung des Etablissements sieht aus, als stamme sie komplett vom letzten Sperrmüll. Sogar die Teppiche dieses Hochland-Hotels „Zur schönen Aussicht“ müssen jahrelang auf dem Speicher gegammelt haben. Eine ehemalige Autoschieber-Clique fristet hier ein trauriges Dasein, indem sie sich von der ebenfalls reichlich abgetakelten Freifrau Ada von Stetten zu erotischen Dienstleistungen heranziehen läßt. Ein zuchthauserfahrener Chauffeur, ein angeblicher bildender Künstler, ein abgehalfterter Filmschauspieler, ein bankrotter Adliger, ein Sektvertreten: Das ist das Personal, das die kaputten Träume von Erfolg und Marktwirtschaft träumt. Alkohol fließt reichlich, Gefühle sind nur Kabarett, man bespricht „Alimentationsangelegenheiten“ und streckt sich gegenseitig die Zunge heraus.

„Zur schönen Aussicht“, ein frühes Horväth-Stück aus den zwanziger Jahren, gilt an den meisten Theatern als Etüde über den bewußtlosen, antrainierten Kleinbürgerjargon. Der Regisseurin Crescentia Dünßer war das offenbar zuwenig: Sie macht aus Horváths Vorlage eine Zirkusnummer. Das Komödiantische wird restlos übertrieben, die Existenzlüge der Figuren ist in jedem Fingerschnicken spürbar. Sie bestehen so sehr aus Phrasen, daß auch die Körper nur in Schablonen sprechen können. Grell, nicht uncharmant, dumm: So sitzen sie (noch heute) in den Fauteuils der Hotelhallen, auf Restaurantstühlen und Barhockern und bemühen sich um das Styling – einem schlechten Drehbuch entsprungen. Nur keine Pausen entstehen lassen!

*

Die Kantine eines westdeutschen Stadttheaters Mitte der achtziger Jahre: schäbig, heruntergekommen und voller Selbstdarsteller. Lauter begabte, halbglückliche, vom Leben vernachlässigte Leute, die durchhängen und auf die nächste Rolle warten. Wenn dieses Stadttheater in Bochum liegt und auch noch das beste in Deutschland ist, dann hat man als Anfänger ein hartes Leben.

Otto Kukla, ein schweigsamer, hünenhafter Mensch mit einem verschlagenen Lächeln hinter den Bartstoppeln, war in München auf die Schauspielschule gegangen, hatte Straßenmusik gemacht und in den Bochumer „Räubern“ bereits den Spiegelberg gespielt – in einem Ensemble, wo andere Leute ihr Leben lang nur Kaffeetassen über die Bühne tragen. Und trotzdem war da etwas: Daß jeder Theaterabend gleich ablief, daß der Kontakt zum Publikum fehlte und jeder Tag mit dem rituellen „Nacht, Gustav“ an den Pförtner endete, das wollte Kukla nicht gefallen.

Man kann auch nicht sagen, daß es Streit gegeben hätte. Außer den üblichen Probenbrüllereien. Peymann, der das Theater bekanntlich für „einen unheimlich erotischen Prozeß“ hält, hat Kukla auf der Probe wohl mal Prügel angedroht („der dachte, ich will nicht, dabei konnte ich nicht“), und Kukla seinerseits hat dem Meister vor die Füße gespuckt. Daß Peymann, der aufgeklärte Macho, sich in der Rolle des wilden Mannes (oder des ewigen Kindes) am besten gefällt und mit Widerspruch nur schwer zurechtkommt – das ist ein Manko, das man nach köstlichen Interviews und verwegenen Shakespeare-Abenden gern vergißt. Kukla ging dieses Gebaren damals ziemlich auf den Wecker: „Das brauchst du nicht zu wissen, du bist Schauspieler. – Denk nicht so dramaturgisch!“ Solche Regisseurs-Ratschläge stärken ja nicht gerade das jugendliche Selbstbewußtsein.