Von Joachim Fritz-Vannahme

Bremen

Die einen klagten über die Altlasten des Grundgesetzes, die anderen beschworen die Altvorderen und liberalen Gründerväter. Alle sprachen am liebsten von gestern, im Guten und Schlechten, von alten Werten oder „Alleinstellungsmerkmalen“, wie das der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff in unnachahmliches Katasterdeutsch preßte. Alle dachten auf dem 43. Parteitag der Freien Demokraten in Bremen aber insgeheim schon an morgen, an das nächste Delegiertentreffen im Sommer 1993, wenn in Münster über Lambsdorffs Nachfolger entschieden wird.

Die Zeit heute sollte nicht genutzt werden, sie sollte verstreichen. Unbehelligt wollte die alte Parteiführung der letzten Prüfung entrinnen. Unbeschadet sollte ihr Spielraum für den Koalitionsbetrieb bleiben. Der Preis dafür waren Schweigen und verschämte Tabus. Artig wie beim Kaffeekränzchen alter Tanten wurden heikle Themen untergerührt. „Die Einheit gestalten“ schwebte als Motto hoch über den Köpfen der Delegierten – und da blieb es dann auch. Nur unten in den Bänken der Brandenburger, Sachsen und Anhaltiner grummelte es. Dort regte sich kaum eine Hand, wenn im Plenum der Asylartikel 16 verteidigt wurde. Heiter und aufmüpfig wurde es allenfalls, als ein Zwischenrufer den Grafen Lambsdorff als „Vorsitzenden mit Verfallsdatum“ etikettierte.

Der Stolz der FDP, nach der Einheit die erste gesamtdeutsche Partei gebildet zu haben, droht zur gefährlichen Lebenslüge zu werden. Ein Drittel der Delegierten, fast zwei Drittel der Mitglieder kommen aus den neuen Bundesländern. Sie stimmen ab, oft erstaunlich geschlossen, und finden doch nur selten die Stimme. Weder das eher stille Vorstandsmitglied Rainer Ortleb noch Generalsekretär Uwe Lühr aus Halle, eine Art Phantom des Parteitages, verleihen ihnen Stimmgewalt. Einstweilen halten sich die Ostdelegierten noch an die Vorgaben des „Herrn Vorsitzenden“, dämpft Anpassung beim Votum den Widerspruch in ihren Zwischenrufen. Der thüringische Bundestagsabgeordnete Christoph Schnittler allerdings deutete im Plenum an, wo die Bruchlinie künftig verlaufen könnte: Er gehöre nicht nur einer freien, sondern auch einer demokratischen Partei an, und die müsse auf den Wähler hören. Das Verb klang eher wie „gehorchen“.

Nun ist der gängige Vorwurf der Liebedienerei gegenüber Wählern nicht nur Politikern aus dem Osten zu machen. Bei ihnen mischt sich freilich der autoritäre Reflex mit einem aus der Notlage erklärbaren Ruf nach mehr Staat. Die Ost-FDPler seien meist „rechtsstaat-unempfindlich“, klagt ein westlicher Verfassungsliberaler. Das schnoddrige Wort von den Altlasten oder die eilfertige Forderung nach verstärktem Polizeieinsatz muß Erzliberale wie Burkhard Hirsch, Gerhart Baum und Wolfgang Lüder zutiefst irritieren.

Aber mehr Staat wünscht sich mancher aus Potsdam oder Pirna eben auch auf wirtschaftlichem oder sozialem Gebiet. Der offene Brief des Noch-Mitglieds und letzten DDR-Staatschefs Manfred Gerlach, den die Frankfurter Rundschau pünktlich zum Parteitag druckte, machte vieles klar, was in Bremen so unverhohlen niemand aussprechen mochte. „Volksverbunden und sozialer“ wünscht sich Gerlach seine gesamtdeutsche liberale Partei, die ihm mit Parteiausschluß droht. Den Delegierten liege, so Gerlach, „ein Papier des sogenannten Elbe-Kreises vor, das viele in Ost und West akzeptable Positionen und Forderungen enthält“. Doch das erwähnte Papier, vor dem Parteitag dem „Markt-Grafen“ als Fehdehandschuh hingeworfen, verschwand im Verlauf der Debatte klanglos.