Von Judith Saitz

Wenn zu Beginn des neuen Semesters die Studenten voller Erwartung in die Hörsäle ziehen, werden an ostdeutschen Universitäten viele Plätze leer bleiben. Die Hochschulleitungen in den neuen Bundesländern klagen über rückläufige Studentenzahlen. Ein Trend, der sich auch an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg abzeichnet.

„Wir rechnen in diesem Herbstsemester mit zehn bis zwanzig Prozent weniger Studenten als im Vorjahr“, sagt Martin Luckner, Naturwissenschaftler und Prorektor der Universität. Und gerade der von ihm verwaltete Bereich ist davon besonders betroffen. Während in den Numerus-clausus-Fächern Medizin, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften die Einschreibzahlen vom Herbst 1991 nahezu erreicht sind, hatten sich zum Stichtag 24. September im Fachbereich Chemie drei und in den Bereichen Physik und Geowissenschaften je vier Studienwillige eingeschrieben. Vor zwölf Monaten begann man den Lehrbetrieb in diesen Fächern mit durchschnittlich fünfzig Studenten.

Sind die ostdeutschen Abiturienten studienmüde? Luckner verneint diese Frage. Es seien wohl eher die Turbulenzen an den ostdeutschen Universitäten – und namentlich auch an der halleschen –, die eine Entscheidung, dort zu studieren, nicht gerade begünstigt haben. Die Evaluierung der Hochschullehrer hat viel Staub aufgewirbelt und Unruhe gebracht. An der Martin-Luther-Universität ist die Evaluierung nach Luckners Aussagen nahezu abgeschlossen. Ruhe kehrt deshalb noch lange nicht ein. Denn nun gilt es, die vielen freigewordenen Stellen zu besetzen. „Gerade in solch sensiblen Bereichen wie der Gentechnik und Biotechnologie, die im alten Gesellschaftssystem Schlüsselrollen gespielt haben, mußten, zahlreiche Dozenten die Universität verlassen“, faßt er die Situation für sein Ressort zusammen. Insgesamt sind an der Universität erst 25 Prozent der neu zu besetzenden Stellen auch wirklich wieder vergeben.

In der Sommerpause beunruhigte deshalb nicht zuletzt auch die Studenten die Frage, ob denn der Lehrbetrieb überhaupt noch aufrechterhalten werden kann. Das Ergebnis einer hochschulinternen Analyse zerstreute schließlich diese Bedenken. Die Notwendigkeit der Überprüfung zeigt aber, wie ernst es um die Alma mater hallensis bestellt ist.

In solch unsicheren Zeiten packen viele Ost-Abiturienten lieber die Koffer und ziehen gen Westen. „Eigentlich ist das ja auch nicht schlecht“, meint Luckner, „widerlegt doch die neue Generation damit den Vorwurf mangelnder Mobilität, der den Ostdeutschen oft gemacht wird. Und eine Durchmischung der Studentenschaft könnte doch auch förderlich für die gesamtdeutsche Entwicklung sein.“ Doch für eine gesunde Durchmischung fehlt im Moment der Gegenstrom; Studenten aus westlichen Bundesländern sind in Halle eher etwas Besonderes.

Dabei hat die alte Universität in der Saalestadt doch auch einige Vorteile zu bieten. Da ist vor allem das relativ gute Betreuungsverhältnis zwischen Lehrkräften und Studenten, das gegenwärtig vom Studentenschwund noch zusätzlich begünstigt wird. Nicht zuletzt deshalb schließen die meisten innerhalb der Regelstudienzeit ihre Ausbildung ab.