CELLE. – Warum Thomas E. mit dem Phantombild auf den Fahndungsplakaten so wenig Ähnlichkeit hat, fragt sich jetzt auch die Polizei in Celle. Seine Gesichtszüge sind eher zart, er ist nicht breitschultrig und muskelbepackt, Thomas E. ist von fast zierlicher Gestalt. Er ist der Mann, nach dem die Polizei seit sechs Monaten fahndete: der Mörder des neunjährigen Rudolf Bröckel aus Celle und des sechsjährigen Michael Reinecke aus Sanne bei Stendal (siehe DIE ZEIT Nr. 27 vom 26. Juni 1992).

Der Mörder ist gefaßt, in Celle herrscht Erleichterung, doch es gibt auch kritische Stimmen. Sie beziehen sich auf die Ermittlungsarbeit der Sonderkommission, in der zeitweilig bis zu 120 Kripobeamte zusammengezogen waren. Denn der 25 Jahre alte Thomas E. wäre vermutlich noch auf freiem Fuß, wenn er sich nicht am vergangenen Freitag gewissermaßen selbst gestellt hätte. An jenem Tag rief er bei den Eltern eines siebenjährigen Jungen aus Hof/Saale an und teilte ihnen mit, daß er ihr Kind in München aufgelesen habe. Ihren Sohn könnten sie gegen Mitternacht an einer Telephonzelle abholen, vorher wolle er mit ihm noch zum Oktoberfest gehen.

Die Polizei nahm den Mann fest. Als sich herausstellte, daß Thomas E. aus der Gegend von Celle stammte, verständigte die bayerische Polizei die niedersächsischen Kollegen. Kriminalbeamte aus Celle holten Thomas E. am Sonntag ab, und schon während der Fahrt – zwischen München und Würzburg – gestand er unter Tränen, Rudolf Bröckel und Michael Reinecke getötet zu haben. Nicht auszudenken, wenn er auch noch den Jungen aus Hof umgebracht hätte, nicht auszudenken auch für die Polizei.

Denn Thomas E. war für die Polizei in Celle kein Unbekannter. Als „Spur 280“ war er schon am 16. Juni im Fahndungscomputer gespeichert worden, als Halter eines blaugrauen Opel Kadett D mit Celler Kennzeichen, jenes Wagentyps, der mehreren Zeugen übereinstimmend als mögliches Täterfahrzeug aufgefallen war. Wie die Polizei jetzt noch einmal erinnert, war der junge Mann aus Oldau nicht der einzige, der ein solches Auto fuhr. 350 Besitzer eines blaugrauen Kadetts wurden allein in Celle überprüft. Diese Zahl wuchs auf über 1200, als die Polizei den Raum Stendal und die Altmark, wo Michael Reinecke zu Hause war, in die Ermittlungen miteinbezog. Schließlich konzentrierte man sich nicht nur auf blaugraue Kadetts, sondern auch auf andersfarbige Autos dieses Typs. Die Zahl der Spurenakten erhöhte sich auf 3500, darin ging „Spur 280“ unter. Nicht zuletzt deshalb, weil die Zeugin, nach deren Angaben das Phantombild angelegt worden war, Thomas E. auf einem ihr vorgelegten Photo nicht erkannte.

„Die Spur war nicht heiß, ja nicht einmal lauwarm“, sagt Erich Philipp, Leiter der Celler Kriminalpolizei. Es gab viele andere Kadettfahrer, die dem Phantom weitaus ähnlicher waren. Doch heute ist sich der Kriminalist gar nicht mehr so sicher, ob die Zeugin wirklich den Täter gesehen hat. „Aber was hätten wir denn machen sollen?“ fragt der Kripochef. Für tiefergehende Ermittlungen habe es im Falle des Thomas E. keine Veranlassung gegeben.

Dabei war dessen Alibi alles andere als wasserdicht. Zum Tatzeitpunkt wollte er, der bis zuletzt als Kinderpfleger in einem Heim tätig war, immer allein gewesen sein. Er habe Fernsehen geguckt, gab er an, doch Zeugen dafür gab es nicht. Heute sagt die Polizei, sie wäre in einer sogenannten zweiten Ermittlungsstufe noch einmal darauf zurückgekommen.

Aber abgesehen davon, war Thomas E. der Polizei bekannt. Nachdem er nämlich am 30. Mai den kleinen Michael Reinecke sexuell mißbraucht und erstochen hatte, wurde er auf dem Rückweg in Fuhrberg bei Celle in einen Verkehrsunfall verwickelt. Und Thomas E. scheute sich nicht, selbst die Polizei zu rufen. Ihm sei ein angetrunkener Fußgänger in den Wagen gelaufen, gab er zu Protokoll. Wie man heute weiß, hatte er die Leiche des Jungen zuvor auf einem Feld liegengelassen und dann einen Tag später weitertransportiert und an einem Parkplatz abgeladen, ganz in der Nähe seines Wohnorts. Dieser Unfall in der Mordnacht ist auch in der „Spurenakte 280“ registriert, wie sich nun herausstellt.