Von Joachim Lehmann

Laß’ den antiautoritären Scheiß und steck’ den Joint weg“, sagte die Genossin am Nebentisch. Der Festsaal war überfüllt. Dann kam er endlich, schlängelte sich an uns – der SSG – zum Greifen nahe vorbei, Richtung Podium. (Die SSG war die Sozialistische Schülergruppe an der Fritz-Karsen-Schule: vier Zehntkläßler und ein Abiturient.) Rudi Dutschke redete ein paar Sätze, und die Stimmung kochte über, beinahe wie zwei oder drei Jahre zuvor, als an gleicher Stelle Berliner Beat-Gruppen eingeheizt hatten. Jetzt aber nicht in englisch, sondern in deutsch: „Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten!“ Und: „Kapitalismus führt zum Faschismus! Kapitalismus muß weg!“ Das war im Winter 67/68 in der „Neuen Welt“. Die Studenten waren demonstrativ für ein paar Stunden vom Audimax der TU ins Arbeiterquartier umgezogen. An jenem Abend sollte in Berlin-Neukölln die antiautoritäre Revolte beendet werden.

Roter Libanese ist in Berlin, Frankfurt oder München für drei Mark das Gramm zu haben. Nicht viel mehr kostet 1969 im Straßenverkauf eine Portion LSD. Im Sommer dieses Jahres glaubt der 31jährige Bernward Vesper auf seinem ersten LSD-Trip, er gehöre zu jener Handvoll kühner Europäer, die sich gerade auf Kontinente vorwagen, welche die abendländische Kultur aus, ihrem Bewußtseinshorizont verbannen mußte.

1968 hieß es noch: „Unter dem Pflaster liegt der Strand!“ Am 4. November – als Horst Mahler im Landgericht am Tegeler Weg wegen der Springer-Krawalle der Prozeß gemacht wurde – verwandelte sich vor dem Charlottenburger Schloß das Kopfsteinpflaster in Wurfgeschosse gegen die Berliner Polizei. Ein paar Hundert Demonstranten führten dem Berliner Innensenator die Antiquiertheit der Kampfausrüstung seiner Bereitschaftspolizei vor Augen.

Neun Monate später beobachtet der Ex-Apo-Aktivist Bernward Vesper in München, wie sich eine Baumaschine in eine mythische Gestalt verwandelt. Ihr Anblick erschüttert ihn zutiefst. Selbst in diesem Augenblick jedoch – unter dem Einfluß von LSD – schätzt Vesper die politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland klar ein: Die Apo (alias die „deutsche“ beziehungsweise „kleinbürgerliche, studentische Linke“) ist gescheitert. Zwei Wochen darauf beginnt er mit der Niederschrift seiner Erlebnisse. „Es ist die versuchsweise genaue Aufzeichnung eines 24stündigen LSD-Trips, (.. .) im gesamten Inhalt erscheint aber deutlich meine Autobiographie“, teilt er am 23. August 1969 in einem Brief dem März Verlag mit, der die ihm zugesandten Typoskripte 1977 unter dem Titel „Die Reise“ herausbringt – sechs Jahre nach dem Selbstmord des Autors.

Ich habe keinen Vater mehr

1976 hatte sich Ulrike Meinhof in Stammheim erhängt. Während dort der Prozeß gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Genossen fortgesetzt wurde, ermordete 1977 eine zweite Terroristengeneration nacheinander den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankchef Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Dessen Leiche fand die Polizei im Kofferraum eines Personenwagens, einen Tag nach dem Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe. Vesper hat sie alle gekannt, Gudrun (bis 1967 seine Lebensgefährtin), Andreas, Ulrike, auch die Leute von der Kommune I, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, und er hat – wie sie – das „Schweine-System“ gehaßt.