Von Dirk Kurbjuweit

Der Arzt Colenso Ridgeon, ein Mann von fünfzig Jahren, steht vor einer tragischen Entscheidung. In seiner Klinik ist nur noch ein Platz frei, und um den bewerben sich zwei Männer, die beide Tuberkulose haben; sie werden sterben, wenn Ridgeon sie nicht behandelt.

Er muß wählen zwischen Dr. Blenkinsop, selbst Arzt, und dem Maler Louis Dubedat. Für Blenkinsop spricht, daß er eine ehrliche, rechtschaffene Haut ist. Allerdings hat er in seinem Leben nichts Besonderes geleistet. Dubedat dagegen malt hinreißende Bilder, ansonsten ist er ein Widerling. Wer verdient es zu überleben?

Ridgeon entscheidet sich für den Kollegen Blenkinsop, nicht jedoch wegen dessen angenehmen Charakters. Vielmehr liebt Ridgeon Dubedats schöne Frau. Seine Entscheidung macht sie zur Witwe und gibt ihm die Hoffnung, sie eines Tages heiraten zu können.

Was der irische Dramatiker Bernard Shaw in seiner Tragödie "Des Doktors Dilemma" beschrieben hat, ist nicht nur Stoff fürs Theater. Deutschland und einige wohlhabende Nachbarn in Europa sind weltweit die einzigen Staaten, die jedem Patienten, jedenfalls theoretisch, die bestmögliche Behandlung versprechen. Anderswo konkurrieren die Menschen um das Gut Gesundheit. Und nun läuft auch auf die Deutschen eine bittere Diskussion zu: "Unentrinnbar steht die Frage ‚Wer soll leben?’ über der modernen Gesundheitspolitik", sagt der Dortmunder Gesundheitsökonom Walter Krämer.

Übertreibung? Sicherlich die zugespitzte Formulierung eines Querdenkers. Aber unter Philosophen, Ärzten und Gesundheitsökonomen läuft derzeit eine brisante Debatte, die sich um das Stichwort Rationierung dreht. Das klingt harmlos, aber dahinter steht die Frage, ob die Krankenkassen auch künftig jedem Patienten jede mögliche Behandlung bezahlen sollen. Anders gesagt: Das teure Gesundheitssystem saniert sich zu Lasten der Patienten. Die Kassen kommen aus den roten Zahlen, die Kranken schneller ins Grab.

Panikmache? Das Dilemma, das Shaw mit ätzender Ironie erzählt, findet sich, ganz nüchtern, auch in einem Gutachten des Sachverständigenrats zur konzertierten Aktion im Gesundheitswesen: "Eine Allokation (Verteilung) von Ressourcen für einen Patienten auf Kosten eines anderen wird mit dem weiteren Fortschritt und dem Auftreten von Kapazitätsengpässen immer häufiger auftreten müssen."