Der Bundespräsident gehörte von jeher zu den wenigen Politikern, die es wagten, mit den Deutschen über die Schmerzen der Einheit zu reden. Auch jetzt, am zweiten Jahrestag des Beitritts der DDR zum Grundgesetz, machte Richard von Weizsäcker keine Ausnahme: Die Westdeutschen müßten zugunsten des Ostens auf Reallohnzuwächse verzichten, forderte er in Schwerin, die Ostdeutschen dürften nicht so schnell auf gleiche Lebensverhältnisse hoffen.

Leider hat die Realität das Staatsoberhaupt inzwischen überholt. Was als Ermahnung gedacht war, grenzt heute schon an Verharmlosung. Die deutsche Wirtschaft wird das Jahr 1992, wenn sie Glück hat, mit einem Wachstum von weniger als einem Prozent beschließen. Gleichzeitig muß sie aber nicht nur den Wiederaufbau im Osten bewältigen, sondern am Rande der Rezession und mit einer überbewerteten Währung ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern. Dafür braucht sie höhere Gewinne. Es geht daher nicht um den Transfer von Lohnzuwächsen in den Osten, sondern um die Verteilung von unvermeidlichem Konsumverzicht unter den Bürgern, und zwar so, daß der innere Friede dabei nicht zu Bruch geht. pp