Hand aufs Herz! Haben Sie im Hotel schon mal was mitgehen lassen? Wir meinen natürlich nicht das hauseigene Briefpapier oder die nett bemalten Aschenbecher, die handlichen Seifenstückchen oder die praktischen Plastik-Duschhauben. Deren Verschwinden ist preismäßig ja sowieso einkalkuliert. Nein, wir denken da eher an echtes Klauen. Bademäntel etwa, Blumenübertöpfe, Handtücher, Radiowecker, Teile also, die richtig Geld kosten.

Jetzt fühlen Sie sich ertappt, und das ist Ihnen peinlich? Sie schämen sich? Müssen Sie nicht, bleiben Sie ganz ruhig. Es gibt nämlich weitaus unangenehmere Kunden als Sie, ernsthaft.

Eine große amerikanische Hotelkette ließ uns dankenswerterweise wissen, was Gastwirten in diesen Zeiten schwer auf die Nerven geht. Nämlich: "Nicht, was Gäste aus Hotels mitnehmen, sondern Dinge, die sie vergessen, stellen ein zunehmendes Problem für den heutigen Hotelier dar."

Da staunen Sie, was? Wir auch, ehrlich gesagt, denn man hätte ja schwören können, daß Herbergsväter nichts mehr wurmt als klauende Kunden. Wenn man nun jedoch liest, mit welch abstrusen Utensilien sich die armen Hoteliers herumschlagen müssen, nur weil deren Klientel ihre fünf Sinne nicht beisammen hat, wächst schlagartig das Verständnis für obengenannten Seufzer.

Staunend nehmen wir also zur Kenntnis, daß das Personal mit schöner Regelmäßigkeit in den Badezimmern vergessene Zahnklammern einsammeln muß, die nun zuhauf in den Abstellräumen einstauben, zusammen mit, man glaubt es kaum, zahllosen Gebissen. Ein Gast, offenbar ein schwerer Parodontose-Fall, soll sich sogar von etlichen seiner eigenen Zähne getrennt und diese – quasi als Morgengabe fürs Zimmermädchen – auf dem Kopfkissen drapiert haben.

Doch nicht nur auf ihre Beißerchen scheinen Menschen im Hotel mühelos verzichten zu können. Diverse Kontaktlinsen zum Beispiel liegen auf Halde nebst Röntgenbild-Sammlungen und einem Blutdruckmeßgerät. Außerdem sind vier Weihnachtsbäume, ein Rohrstock, vergoldete Nagelfeilen, Korsetts und Ferngläser im Angebot. Was uns an diesem Punkt allerdings kaum noch aus der Fassung bringt angesichts der Tatsache, daß darüber hinaus eine Million Peseten sowie die Hörner einer Bergziege bis heute vergeblich auf ihre rechtmäßigen Besitzer warten.

Diese Liste ließe sich problemlos verlängern. Nur, wie das mit Überraschungsmeldungen so ist, irgendwann wird’s langweilig. Weil wir der Geschichte eine gewisse Dramatik jedoch um jeden Preis erhalten möchten, überlassen wir die Aufsicht über vergessene Kaninchen, Kaviardosen, Stimmgabeln weiterhin dem Hotelpersonal und wenden uns lieber wieder Ihnen zu, und zwar mit einem Rat für die Zukunft: Wenn Sie sich beim nächsten Hotelbesuch mal wieder so richtig ärgern, über, sagen wir mal, durchgelegene Betten oder das miese Fernsehbild – beschweren Sie sich nicht. Viel zu aufwendig. Lassen Sie einfach irgendwas liegen.

Brigitte Wolter