Wer wählt den Präsidenten der Vereinigten Staaten? Bisher hat die amerikanische Geschichte fast immer eine eindeutige Antwort gegeben: Die Wähler zeichnen ihr Kreuz hinter die Namen von Wahlmännern und -frauen (electors), die in ihren Bundesstaaten stellvertretend für die Präsidentschaftskandidaten auf den Stimmzetteln stehen. Es gibt 538 electors – dies entspricht der Zahl der US-Senatoren (100) und der Mitglieder des Repräsentantenhauses (435) plus dreier Wahlmänner und -frauen des District of Columbia (des Gebietes der Hauptstadt Washington). Dem Sieger in einem Bundesstaat werden alle dort zu vergebenden Stimmen – the winner takes all – zugeschlagen.

Die Versammlungen der Wahlmänner (Electoral Colleges) stimmen an einem bestimmten Tag im Dezember nach der Präsidentschaftswahl in ihren jeweiligen Bundesstaaten ab. Der Kandidat, der dabei 270 oder mehr Stimmen erhält, wird Präsident.

Zweimal ist die Mehrheit nicht zustande gekommen. In diesem Jahr könnte wegen der erneuten Kandidatur Ross Perots wieder ein Unentschieden drohen.

Statt des Electoral College entschied in den beiden ersten Fällen das Repräsentantenhaus über den Präsidenten. 1800 votierte es für Thomas Jefferson und gegen Aaron Burr. Jefferson hatte bei der Stichwahl die Unterstützung eines dritten Kontrahenten, Alexander Hamilton, erhalten. Aus Zorn darüber verlangte Burr Jahre später ein Duell und tötete Hamilton.

Der gewaltsame Tod Hamiltons war Anlaß für den 12. Verfassungszusatz. Er legt fest: Wenn kein Kandidat eine Mehrheit im Wahlmännergremium erreicht, „soll das Repräsentantenhaus sogleich aus den höchstenfalls drei Personen, die auf der Liste der für die Präsidentschaft abgegebenen Stimmen die größten Stimmenzahlen aufweisen, ... den Präsidenten wählen. Bei dieser Präsidentschaftswahl wird jedoch nach Staaten abgestimmt, wobei die Vertretung jedes Staates eine Stimme hat.“

Dieses Prinzip wurde 1824 erstmals angewandt. Keiner der vier Präsidentschaftskandidaten konnte damals in der Versammlung der Wahlmänner eine Mehrheit erringen. Das Repräsentantenhaus entschied sich schließlich für John Quincy Adams.

Bei der Präsidentschaftswahl am 3. November werden drei Kandidaten um die Wählergunst ringen: George Bush, Bill Clinton und Ross Perot. Sollte der texanische Milliardär in einigen Bundesstaaten gewinnen, könnten Bush und Clinton die nötige Mehrheit von 270 Stimmen im Electoral College verfehlen. Wie würde dann das Repräsentantenhaus entscheiden?