Von Karl-Markus Gauß

Zu den vielen Monumenten und Kunstwerken, die im Krieg des zerfallenden Jugoslawien angegriffen und zerstört wurden, gehört auch ein recht unscheinbares kleines Denkmal in Višegrad. Es stand bei einer Brücke, die vor über vierhundert Jahren errichtet wurde, um zwei von einem reißenden Fluß getrennte Gebiete zu verbinden, ja den Abgrund zwischen zwei Welten zu überbrücken. Nächst der Brücke über die Drina, die mitten im politischen Erdbebengebiet Europas den islamischen mit dem christlichen Teil des Balkans zusammenführt, war vor einigen Jahren das Denkmal eines Schriftstellers errichtet worden, der in seinen Romanen und Erzählungen begeistert von seiner bosnischen Heimat und verzweifelt von der ewigen Wiederkehr des Hasses erzählte. Ivo Andrić war beides – getreuer Chronist der heroischen Versuche, in Bosnien stets aufs neue Brücken zu bauen, und entsetzter Zeuge der barbarischen Praxis, sie immer wieder niederzureißen.

Vor Jahresfrist ist sein Denkmal von einem religiösen Wirrkopf zerstört worden, zerstört wie das bosnische Experiment, auf kargem Boden und engem Raum das Zusammenleben verschiedener Völker zu erproben. Andrić war diesem Experiment mit oft enttäuschter, nie erloschener Liebe zugetan, und so ist, da er die Vielfalt, den kulturellen Austausch, die Brücke rühmte, nur folgerichtig, daß die heutigen Kämpfer noch die Erinnerung an ihn tilgen wollen. Geht es ihnen doch um die Reinheit in Einfalt, um ethnische Säuberung, religiösen Fundamentalismus, kulturelle Gleichschaltung. Über diesen gerade in Bosnien periodisch wiederkehrenden Vorgang, im Namen eines wahrhaftigeren Lebens den Tod zu feiern, findet sich in dem Epos "Die Brücke über die Drina" die Bemerkung: "Das Leben zerriß, zerbröckelte und zerfiel. Überhaupt schien es der jetzigen Generation mehr auf ihre Lebensauffassungen denn auf das Leben selbst anzukommen. Das schien irrsinnig und war vollkommen unfaßlich, aber es war so. Und daher verlor das Leben an Wert und verbrauchte sich völlig in Worten."

Ivo Andrić, dessen 100. Geburtstag in diesen Tagen in Jugoslawien niemand feiert, war nicht nur ein sorgenvoller Freund des bosnischen Modells vieler Völker, sondern auch einer jener Humanisten, die von der Notwendigkeit einer übernationalen Ordnung auf dem Balkan zutiefst überzeugt waren. Er selbst hat diese Freiheit von Zwang und Dünkel des Nationalismus gelebt: Am 9. Oktober 1892 in der Nähe des bosnischen Travnik geboren und in Sarajevo aufgewachsen, entstammte er einer Familie bosnischer Kroaten; als Autor bevorzugte er jedoch die serbische, cyrillische Variante jener gemeinsamen Sprache, die von den herrschenden Dunkelmännern in Kroatien wie in Serbien heute mit viel Elan künstlich in zwei grundverschiedene Sprachen umgefälscht wird. Andric war sich stets bewußt, daß die Störung des fragilen bosnischen Modells zu einem Rückfall in die Barbarei führen könnte; sein beklemmender "Brief aus dem Jahr 1920", in dem er den "bosnischen Haß" auszuloten sucht, liest sich, als wäre er an uns Heutige adressiert.

Freilich, wer liest sie heute schon, diese großartigen Erzählungen? Der Hanser Verlag, der vor dreißig Jahren drei voluminöse Sammelbände veröffentlichte, hatte längst vergessen, daß er einen der spannendsten Erzähler der europäischen Moderne in seinem Programm hat, und erst die doppelte Aktualität, die Zerstörung Bosniens und der runde Geburtstag des Chronisten, haben ihn veranlaßt, jetzt immerhin den monumentalen historischen Roman "Die Brücke über die Drina" neu aufzulegen.

Wie in allen Andrić-Romanen geht es auch in "Die Brücke über die Drina" um Geschichte und Psychologie, historische Entwicklung und persönliches Schicksal. Bosnien erscheint in dieser "Višegrader Chronik" (der Nobelpreisträger von 1961 hat auch eine "Travniker Chronik", nämlich den Roman "Wesire und Konsuln", und eine "Sarajevoer Chronik", den nachgelassenen Roman "Omer Latas Pascha" geschrieben) als ein Land, das ein wenig abseits liegt und in dem doch alle Erschütterungen der großen Welt vorausbeben oder nachzittern. So langsam und geduldig werden Geschichten und Anekdoten aufgeblättert, daß man sich des radikalen Ansatzes dieses Romans vielleicht gar nicht bewußt wird. Über sein Verhältnis zur Avantgarde hatte der traditionelle und doch außerordentlich kühne Erzähler einmal gemeint: "Nonkonformismus ... findet man irgendwo zu Beginn schöpferischen Auftriebs, vergleichbar dem Absprungbrett beim Weitsprung. Allein, der Springer bedient sich des Brettes, um Anlauf und Absprung zu stärken, aber später, im weiteren Verlauf des Sprunges, wird er das Brett nicht mitschleppen."

Die Brücke von Orient und Okzident wird im 17. Jahrhundert unter einem türkischen Wesir erbaut, sie ist 250 Schritte lang und zehn Schritte breit, nur in einem "Kapija" genannten Teil erweitert sie sich terrassenförmig erheblich. Die Kapija ist nicht nur die exakte Mitte der Brücke, sondern das Herz Bosniens – das Zentrum der Welt. Sie ist ein Ort der Prüfung und der Bewährung, des Lebens und des Todes, ein Bezugspunkt für Menschen, die hier als Kinder spielen, als Jugendliche den späteren Ehepartner erspähen, als Erwachsene ihre Geschäfte besprechen und im Alter den Lauf der Dinge kommentieren. Der Wesir des Sultans läßt hier seine Befehle verkünden und seine Feinde köpfen, der Statthalter des österreichischen Kaisers wird es später nicht viel anders halten.