Die letzten Meter sind entscheidend. Wie beim olympischen Sprint. Nur daß am Ziel kein elektronischer Zeitmesser auf den Läufer wartet, sondern ein Busfahrer. Und der wartet ungern, weil er seinen Fahrplan einhalten muß.

Es versteht sich von selbst, daß einer, der mit dem Bus fahren will, laufen gelernt haben muß. Sonst kann es ihm nämlich passieren, daß er den Bus verpaßt, obwohl der nur noch wenige Meter von ihm weg ist.

Der Ratschluß, nach dem großstädtische Busfahrer an den Haltestellen mal warten und mal nicht, ist unerforschlich, die Motive vermutlich viel zu delikat, als daß wir sie so ohne weiteres durchschauen könnten. Der eine fährt los, auch wenn er im Rückspiegel einen sprintenden Fahrgast sieht. Der andere wartet noch, wenn einer von ferne nur die Hand hebt als Zeichen dafür, daß er noch mitmöchte.

Hin und wieder kann man beim Busfahren die Erfahrung machen, daß hinter dem Lenkrad schier salomonische Weisheit waltet. Da versuchte neulich ein Gehbehinderter einen anstrengenden Trab, um den haltenden Bus noch zu schaffen. In seinem Schlepptau trödelte ein flott aussehender Jüngling, dem man im 100-Meter-Sprint glatte zwölf Sekunden zugetraut hätte.

Der Gehbehinderte war zuerst am Ziel.

"Immer mit der Ruhe", sagte der Busfahrer, "soviel Zeit muß sein."

Als sich der 12-Sekunden-Typ danach in provozierender Langsamkeit über die Busschwelle quälte, da sagte er: "Bei dem Tempo hättest du fast noch den nächsten Bus erreicht."