Die Verfasser des Liebesromans sind die Autoren und die Akteure ihrer Liebesgeschichte, ein Sonderfall von Authentizität. Die Liebe ist eine Papierblüte und eine Werktat.

Für ihr Lebenskunstwerk wählen die beiden Faktographen die Form des fin amor, der höfischen Liebe verliebter Seelen, deren Subjekt ein ästhetisches ist, der Troubadour. Sie kostümieren sich. Aber ihre Minnelyrik ist nicht einfach nur eine rhetorische Doppelnummer von Spracherotikern. Sie hat ihre Grundlage im Tatsachenleben. Darum kehrt sie von Ausflügen in die Koloratur in der Regel schnell zu vernünftigen Tagesordnungen zurück: „Ich werde mich also endlich zwei volle Tage an Dir berauschen dürfen!“, schreibt sie, und er antwortet: „Einverstanden! wir essen Sonntag gemeinsam zu Mittag.“

Ihre Zuneigung ist widerstandsfähig. Am bravourösesten behauptet sie sich gegen die Prosa der Verhältnisse, wo Liebesromane für gewöhnlich enden, im Alltag und in Augenblicken äußerster Fremdheit.

Der Glanz, ja der Vorschein einer höheren Lebensart, der diesen Briefwechsel illuminiert, ist aber keineswegs nur der Lohn für tapfere Seelenarbeit. Die Poesie arbeitet selbständig mit an dem Wirklichkeitsroman zwischen der 62jährigen Matrone und dem dicklichen Herrn von 45 Jahren. „Le dernier amour“ („Letzte Liebe“) heißt der Roman, an dem George Sand arbeitet, als die Freundschaft geschlossen wird. Sie widmet ihn Flaubert. Zehn Jahre später schluchzt er an ihrem Grab wie eine ihrer Romanfiguren. Die Erzählung, mit der er zu diesem Zeitpunkt beschäftigt ist, „Un coeur simple“ („Ein einfaches Herz“), widmet er ihrem Sohn im Gedenken an seine „teure und berühmte Mutter“. Der Herausgeber Alphonse Jacobs hat den Briefen mit sorgfältig recherchierten, sehr leserfreundlichen Einleitungs- und Zwischentexten und umfangreichen Anmerkungen ein editorisches Flußbett bereitet.

Liebesromane sind Geschichten von wunderbaren Verwandlungen, auch dieser Briefwechsel. Er führt fremde Welten zusammen, menschliche Gegensätze im Leben wie in der Literatur. Doch Flaubert wird in die glückliche Republik aufgenommen, in der George Sand lebt, in ihre Familie. Das Weihnachtsfest 1869 verbringt er auf Schloß Nohant, dem Besitz George Sands. Die „winterliche Eskapade“ gipfelt in einer Tanzvorstellung Flauberts. In Frauenkleidern legt er einen andalusischen Cachucha aufs Parkett. Durch eintreffenden „Besuch“ wird die närrische Gesellschaft „zur Vernunft“ gebracht, berichtet Sand in ihrem Tagebuch.

Die Reise nach Nohant war eine Gegenvisite. Der hypochondrische, auf seine Einsamkeit als Lebens- und Schreibmittel angewiesene Flaubert hat einen einwöchigen Besuch George Sands hinter sich, als er ihr die schönste seiner Liebeserklärungen macht: „Ich bin seit Ihrer Abreise ganz aus dem Gleichgewicht; es kommt mir vor, als hätte ich Sie seit zehn Jahren nicht gesehen. Mein einziges Gesprächsthema mit meiner Mutter sind Sie; alle hier haben Sie gern. Unter welcher Konstellation sind Sie geboren, daß Sie in Ihrer Person so unterschiedliche, so zahlreiche und so seltene Eigenschaften vereinen? Ich weiß nicht, welche Art Gefühl ich Ihnen entgegenbringe, aber ich empfinde für Sie eine besondere Zärtlichkeit, die ich bisher noch für niemand empfunden habe. Wir verstanden uns gut, nicht wahr? Es war schön.“

Nach der Konvention des Liebesromans kommt Flauberts Geständnis zum verkehrten Zeitpunkt, am Ende der beschwerlichen Alltagsprobe, die ihn zum Schlimmsten gezwungen hat, zu Spaziergängen an der frischen Luft. Den tieferen Abgrund, der sie trennt, überwinden sie in stundenlangem Vorlesen und nächtlichen Gesprächen. In ihrem Fall stand der Liebe zuallererst die Literatur im Wege.