Von Gabriele von Arnim

MÜNCHEN. – "Wenn man nicht die Kraft hat, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen", schreibt der Pfarrer Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg, "sucht man zwangsläufig Objekte für den Haß. Sonst würde daraus Selbsthaß werden." Die Objekte sind gefunden: Ausländer, Asylanten, Fremde. Der mutierte Selbsthaß grassiert, aber jeden Tag hören und lesen wir vom um sich greifenden Ausländerhaß. Worte können gefährlich werden, können Gefühlen eine Richtung geben.

Ausländerhaß ist so ein Wort. Es beschreibt ein Phänomen und befördert es damit, könnte als griffige Formel schneller in die Köpfe kriechen als das Gefühl selbst und sich darin einnisten. Ausländerhaß. Und auf einmal meinen die, die Brandsätze werfen, ein politisches Anliegen zu haben. Es könnte geschehen, daß wir mit Begriffen, mit denen wir abschrecken wollen, genau das Gegenteil bewirken. Wir sagen Fremdenfeindlichkeit und bauen der Wut, die Ventile sucht, ein ganzes Kanalsystem. Wir sollten vorsichtiger und bedachter mit Worten umgehen.

Wir haben schon einmal versucht, unsere Vergangenheit zu "bewältigen", als gelte es, sie unterzukriegen. Mit plakativen Erklärungen schützen wir genau jene, die unser System bedrohen, erlassen ihnen die bittere Konfrontation mit der Wahrheit, mit dem Selbsthaß, und sprechen von ihrem Fremdenhaß. "Ausländerhaß – nicht mit uns", hieß es in Fernsehspots und hätte doch heißen müssen "Selbsthaß, nein danke".

Wir Deutsche selber haben ein Problem. Aber allerorten wird das Ausländerproblem diskutiert. Das klingt vertraut. Wir hatten schon einmal ein Judenproblem. Machen wir vielleicht den gefährlichen Fehler, den klatschenden Gaffern und johlenden Totschlägern ein Leitmotiv für ihre diffuse Melodie der Gewalt zu liefern; werden wir ungewollt zu ihren Komplizen, indem wir ihnen Argumente dorthin nachtragen, wohin sie die Molotowcocktails warfen? Wie wir beschreiben, was bei uns geschieht, hat Auswirkungen auf das Geschehen. Schenken wir den gesinnungslosen Tätern eine Gesinnung, indem wir ihnen ideologischen Rassismus zuschreiben?

Nehmen wir den dumpfen Geistern womöglich ein Stück theoretische Arbeit ab, wenn wir über und gegen Ausländerhaß reden und ihn in den Mittelpunkt unserer Symposien und Abhandlungen und Umfragen stellen?

Warum tun wir das? Frönen wir schon wieder der Lust am eigenen Untergang? "Ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen", schrieb Hölderlin vor zweihundert Jahren. Masochistische Wonnen haben schon oft – Hand in Hand mit teutonischer Hybris – unsere Nachbarn und Freunde verunsichert. Wollen wir uns selbst und anderen einen Schrecken einjagen, indem wir beschwören, wie gefährlich wir sind?