Im April 1889 durchquert eine große Karawane einen Teil der Sahara von Tanger nach Fes: Diplomaten, Offiziere, Künstler, ein Arzt, unzählige Beduinen als Träger und mehr als zweihundert Esel, Maulesel, Kamele und Pferde. Am Ende des Zuges, geschleppt von vierzig Leuten, befindet sich sogar ein Mahagoniboot mit Elektromotor. Es ist, ebenso wie vier Pferde aus der Normandie, eines der Geschenke der Republik Frankreich an den Sultan von Marokko, die der neue französische Gesandte in Tanger bei seinem Antrittsbesuch dem Wüstenherrscher überreichen soll.

Zehn mühselige Tage dauert die Reise. Begleitet wird die Gruppe von den einzelnen Stammesfürsten, deren Land durchquert wird – eine politische Geste, aber auch eine Vorsichtsmaßnahme.

Es gibt noch keine Pisten oder Wege; keine Reifenspuren weisen den Weg nach Dakar. Flüsse müssen schwimmend durchquert werden.

Mit von der Partie ist, bestellt als Beobachter der Glorie Frankreichs, der Maler, Schriftsteller und Marineoffizier Pierre Loti, der nun Tagebuch führt. Material für ein „originelles Buch“ hatte der neue Gesandte, Jules Patenotre, dem berühmten Reiseschriftsteller versprochen.

Tatsächlich: Der Stoff mußte Loti, bürgerlich Louis-Marie-Julien Viaud, faszinieren. Eine zwar durch die Begehrlichkeiten der Großmächte Frankreich, England, Spanien und Deutschland gefährdete, aber dennoch intakte, unberührte Hochkultur, deren Leben sich in einer anderen Epoche abzuspielen scheint.

Loti, der nach Fremde Süchtige, nimmt die Gelegenheit wahr, um sich auch gleich stillschweigend und elegant über alle Abmachungen hinwegzusetzen: Kaum in Fes angekommen, einer Stadt, in der es Europäern verwehrt ist, sich frei zu bewegen, wohnt er allein und wie ein Bürger des Landes und erkundet, in Landestracht vermummt, selbst die finstersten Gassen.

Sein Bericht erfüllt die Erwartungen der Zeitgenossen nicht, übergeht alle politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen und beschreibt nur das scheinbar Nebensächliche, die Farben, Düfte, die Blumenteppiche der Wüste im Frühling, die Geräusche der Musikinstrumente und die den Männern verbotene Welt der Frauen über den Dächern der Stadt. In seiner Textur erinnert er an ein impressionistisches Gemälde, ist hemmungslos subjektiv, und bietet doch ein imposantes Bild der Hochkultur des Maghreb.