Deutschland: Zwei Kerzen ohne Flamme „Libération“ zum 3. Oktober 1992

Tief durchatmen

Immer diese deprimierenden Treuhandanstalts-Nachrichten. Die erste: Die Deutschen Werkstätten, integraler Bestandteil der weltberühmten Reform-Siedlung in Dresden-Hellerau – nicht an fachkundige Interessenten, sondern an eine Beteiligungsgesellschaft verkauft. Die zweite Nachricht: Die Wehrinsel in der Neiße bei Muskau, mitten im weltberühmten Fürst Pücklerschen Park gelegen – an einen Privatmann gegeben, der mit Spekulationsbauten das Landschaftsdenkmal zu schänden droht. Die dritte: Die traditionsreiche Offizin Andersen Nexö in der Druckerstadt Leipzig droht als Immobilie verschachert zu werden. Treuhandanstalt – Skandalanstalt! Aber das ist, diesmal, ein Irrtum. Erstens: die Käufer der Deutschen Werkstätten in Hellerau knüpfen tatsächlich an die Tradition des Werkes und des Ortes an – die Treuhand erläßt ihnen die Schulden gegen die Immobilie (die sie später zurückkaufen können). Zweitens: Die Wehrinsel bleibt unbebaut; sie wurde dem neuen Eigentümer des hundertjährigen Wasserkraftwerkes am Neißeufer mit übereignet, damit niemand die Wasser des Flusses seinem Werk entziehen kann. Und drittens: Der kulturhistorisch wichtige Teil der Offizin Andersen Nexö in der Nonnenstraße – Bleisatz und Buchdruck – geht an den einschlägig erfahrenen Münchner Drucker Schumacher Gebler, der sich durch die Rettung alter Druckschriften und Matrizen aus aufgelösten Schriftgießereien schon einen Namen gemacht hat. Nun hoffen wir, daß die neunzehn Buchverlage, die sich so volltönend um die Leipziger Offizin gesorgt haben, dort nun auch etliche ihrer Bücher drucken lassen, und atmen tief durch.

Journalistenpoesie: Schwere Stunden

Der Chefredakteur hatte den neuen Hospitanten im Feuilleton seiner Süddeutschen zu sich bestellt. „Die Republik ist in Gefahr“, rief er dem eintretenden Ekkehart Baumgartner entgegen. Der Hospitant staunte nur so. „Schreiben Sie doch mal, was unsere Dichter zu Rostock und der Ausländerfeindlichkeit zu sagen haben. Nur menschlich sollte es sein, Sie wissen schon, der gewisse poetische Touch.“ Und Ekkehart Baumgartner reiste. Ganz oben in Dithmarschen, „hinter den Flüssen und Deichen“, traf er die Lyrikerin Sarah Kirsch. „Alles scheint zu entschwinden“ bei ihr. Nur zögernd war sie bereit gewesen, „über Deutschland zu sprechen“. Sie „schüttelt den Kopf und streicht sich ihre roten Haare zurecht“. Was soll sie bloß sagen? „Sie überlegt. Es wird still.“ Der Reporter sieht auf die Uhr: „Die Sekunden vergehen.“ Sarah Kirsch sieht auf „Niegh“, „die kleine Katze“. Worte sind so kostbar. „Der Mensch ist so dumm“, sagt sie endlich. Ekkehart Baumgartner notiert (wer weiß, wozu es gut ist): „Draußen vor ihrem Haus weht die dänische Flagge.“ Aber weiter, nach Berlin, zu Rolf Hochhuth. „Es ist Mitternacht in Berlin. Tiefe Dunkelheit“ herrscht um Dr. Hochhuth. In dieser schweren Stunde grübelt er über sein noch immer unvollendetes Stück „Wessis in Weimar“ nach. „Es treibt ihn also um, den Dramatiker. Und das macht hungrig.“ Ekkehart Baumgartner verzeichnet jedes Magengrollen des Dramatikers, schließlich gilt es nichts Geringeres als „eine neue politische Diskussionskultur“. Bei Hochhuth auf dem Reichstag, Ekkehart Baumgartner vermerkt’s gerührt, weht die „schwarzrot-goldene Fahne“. Noch immer hat der rasende Feuilleton-Reporter nicht genug Deutschland im Notizbuch, also besucht er den „Akademiker“ F.C. Delius. Von seinen privaten Umständen erfahren wir schmerzlich wenig, keine Katze, kein leerer Magen. Eineinhalb Spalten lang „führt“ Delius „aus“, „konstatiert“, „verweist“, „stellt fest“, bis Ekkehart Baumgartner aus dem Staunen nicht mehr herauskommt: „Hier zessiert der Autor mit scharfem Operationsbesteck im zähen Dickicht politischen Fehlverhaltens.“ Der Chefredakteur ist gleichwohl unzufrieden, als Ekkehart Baumgartner seinen poetischen Reisebericht in München abliefert. „Die Fahne“, schreit er, „hat der Delius denn keine Fahne auf dem Dach?“ Der Hospitant überlegt. Die Sekunden vergehen. Dann die Erlösung: „Ach was, die Republik ist schließlich in Gefahr“, sagt der Chef. „Wir drucken das.“ Und so kam es, liebe Kinder, daß das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung die Republik rettete.